Gespräch und Sprache sind bei den Jaqi - ein Volk in den Anden - etwas, das
als Anerkennung von angemessenem menschlichen Verhalten gegeben wird;
Sprachverweigerung ist eine Sanktion für die, die sich wie Tiere verhalten.
Und so sprechen Frauen und Männer viel, obwohl Europäer sie für schweigsam
halten. Diese Schweigsamkeit sagt etwas darüber aus, wie sich die Europäer
verhielten und verhalten!
Was
Jaqi-Frauen und -Männer uns voraus haben und wovon wir lernen können, in Bezug
auf
- Kinder
-
Einbezogen-Sein
- Konsens
- Den Erwartungen der Eroberer entsprechen
-
Gleichheit in der sozialen Struktur
- Heirat
- Politik
- Geld

Kinder
Kinder müssen sich das Recht zu reden verdienen. Sie lernen, dass sie auf
jeden Fall immer die Gegenwart anderer Menschen anerkennen müssen, indem sie
grüßen. Wenn ein Kind das nicht tut, wird jemand sie tadeln, entweder weil sie
sich wie ein Tier verhielt oder weil sie andere wie Tiere behandelte.
Kinder dürfen im allgemeinen nicht an den Unterhaltungen von Erwachsenen
teilnehmen, haben aber immer das Recht zuzuhören. Sie werden nie daran gehindert,
das Verhalten Erwachsener wahrzunehmen, von der Zeit, die sie auf dem Rücken
ihrer Mutter verbringen, bis sie erwachsen sind.
Indem sie lernen zuzuhören, lernen sie auch, andere zu respektieren, ein
zentraler Wert, der durch die Jaqi-Grammatik mit der ständigen Betonung und
Markierung der zweiten Person verstärkt wird.
Eine Dorfversammlung in den Anden besteht aus allen Erwachsenen im Saal,
jedeR mit einer Stimme, und aus allen Kindern, die an den Fenstern hängen und
zuhören. Von einem Kind wird erwartet, dass es hört, was gesagt wird. Es kann
sogar von Erwachsenen, die nicht bei einer Versammlung waren, gefragt werden,
was gesagt wurde, und wird es mit großer Präzision wiedergeben.
Gespräche im Englischen oder Deutschen, besonders zwischen Frauen und Männern,
sind reich an unterdrückenden Mechanismen. Vor allem sind es Frauen, an die sich
diese Mechanismen wenden. Ich habe nie etwas ähnliches bei den Jaqi beobachtet.
Manchmal, wenn Unterbrechungen an der Tagesordnung sind, wie z. B. wenn es um
die Verteilung der Bewässerung geht, schreien alle und unterbrechen einander. Im
allgemeinen sind die Frauenstimmen laut und nicht unterwürfig. Wenn die Stimmen
von Frauen und Männern unter dem Blick der Eroberer leiser werden, tun sie auch
das noch in gleicher Verteilung.
Involviertheit (Zugehörigkeit, Einbezogen-Sein)
Eine interessante Eigenschaft der Jaqi-Gespräche ist die konstante
Rückmeldung, die der Sprecherin vom Hörer gegeben wird. Eine spezifische Form,
ha, deutet an, dass man zuhört; während einer Erzählung kommt sie etwa
alle sechs Worte vor und wird von Frauen und Männern produziert, gleich ob eine
Frau oder ein Mann erzählt.
Es ist weiterhin von Interesse, dass die Jaqi-Sprachen ihre Verben mit einem
Suffix für Tadel und mit einem für Lob markieren. Sie werden beide häufig
verwendet, und obwohl sie bei uns Dominanz indizieren würden, tun sie das bei
den Jaqi nicht, sondern drücken Involviertheit aus.
Anmerkung: Die Autorin spricht hier von Lob und Tadel, Worte aus dem
eigenen Paradigma. Traditionelle Gesellschaften tadeln und loben nicht, d.h. sie
bewerten nicht die Handlungen anderer. Gemeint ist hier das Signalisieren von
"Übereinstimmung", was als Lob, oder eines "Hilfesangebots", was als Tadel
interpretiert wird. [HV]
Als ich zum ersten Mal nach Sorata ging, trug ich mein Baby auf meinem
Rücken, wie ich es bei den Jaqaru-Frauen gesehen hatte, aber mit einer
amerikanischen Decke. Ich war noch keine fünfzig Meter gegangen, als eine
Aymara-Frau mein Baby für mich zurechtrückte und mich wegen der Qualität der
Decke ausschimpfte. Die Frauen von Sorata machten mir später eine richtige
awayu, in der mein Sohn und alle meine anderen Kinder dann ordentlich
getragen wurden.
Als Ausländerin hatte ich einen höheren gesellschaftlichen Status, aber da ich
mein Baby in der Jaqi-Art trug, hatte ich Involviertheit gezeigt, und
diese wurde mit einem Tadel und einer Empfehlung beantwortet.
Ein anderes Beispiel ist eine Besprechung von Amtsträgern - alle Männer - in
der Stadtmitte. Eine Frau kam vorbei, unterbrach sie und schimpfte sie ziemlich
gründlich wegen ihrer städtischen Politik aus; danach ging sie weg und ließ sie
weiter machen. Innerhalb der Jaqi-Verhaltensweisen war das ein völlig
akzeptables Verhalten und zeigte ihre Involviertheit in Gemeindeangelegenheiten.
Eine Anweisung ist ein dominanter Sprechakt und darf daher nur wenig benutzt
werden, außer mit Kindern. Das anstößige Verhalten von Außenstehenden,
hauptsächlich Priestern und anderen Würdenträgern, besteht in ihrer Annahme,
dass sie das Recht haben, mit jedermann den Imperativ (Befehlsform) zu benutzen.
Das Verständnis der Jaqi ist es aber, dass die "Autoritäten" (z.B.
die Ältesten) diejenigen sind,
die das Recht zu empfehlen oder zu lehren haben, nicht aber zu befehlen.
Die höchste Autorität ist die oder der yatiri - eine Person, die
Wissen hat, Frau oder Mann, die als intellektueller Ratgeber bei der Integration
von neuem Wissen in das gesellschaftliche Gewebe fungiert - eine intellektuelle
Rolle, die von Außenstehenden sehr missverstanden wird.
Die Autoritäten haben größere Verantwortung, aber nicht größeren Status! Wer
immer man ist, man hütet immer noch seine Tiere und bewässert seine Felder.
Verantwortung für die Gemeinschaft bedeutet mehr Arbeit, mehr Prestige, mehr
Respekt, aber nicht größeren Status. Jedes Kind lernt, dass sein Platz in der
Gesellschaft von seiner Reife und Produktivität abhängt, was ihm von Kindheit an
einen Platz und eine gewisse Würde gibt.
Wie in allen matriarchal-strukturierten Gesellschaften sprechen auch bei den
Jaqi in manchen öffentlichen Arenen nur Männer. Entscheidungen für die ganze
Gemeinschaft können jedoch hierbei nicht getroffen werden.
Wenn z.B. Bauunternehmer, die die Männer für verantwortlich halten, solche
Versammlungen abhalten, merken sie erst am nächsten Tag, dass das, was
beschlossen wurde, noch nicht beschlossen ist. Ein Mann allein kann keine
Entscheidung für eine Gemeinschaft treffen, die aus allen Jaqi besteht
- eine solche Entscheidung muss von allen Erwachsenen getroffen werden.
Erfahrung ist die Grundlage für alles Wissen; Wissen kommt deshalb aus der
Erfahrung aller Jaqi - Frauen wie Männer. In einer Sprache, in der die
Hauptkategorien menschlich und nicht-menschlich sind, ist
Wissen durch Erfahrung ein Teil der linguistischen Konstruktion von
Gleichheit.
Ohne eine Markierung für die Quelle von Daten zu sprechen, - also die Quelle
nicht nur zu zitieren, sondern die entsprechende Person zu nennen - ist so, als
hätte man göttliches Allwissen; das wird wahrgenommen, als würde man andere
nicht respektieren.
Aus dem gleichen Grund legen Jaqi auch anderen keine Worte in den Mund und
interpretieren die Worte anderer nicht; sie zitieren direkt und ausführlich und
markieren die Quelle ihrer Daten. Frauen und Männer unterhalten sich ohne
Schwierigkeiten, ausführlich und ohne geschlechtsspezifische Dominanz. Dies ist
eine hoch entwickelte Fähigkeit sozialen Verhaltens, das in patriarchalen
Industriegesellschaften völlig verloren gegangen ist.
Konsens
Wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, z.B. über die Vererbung von Land
oder die Landarbeit, dann wird so lange geredet bzw. geschrien, bis Konsens
hergestellt ist.
So müssen Frauen und Männer sich über die Zeiten für die Bewässerung der Felder
einigen; dabei schreien die Frauen genauso laut wie die Männer.
Die Verteilung der Erntearbeit muss ebenso unter Frauen und Männern ausgehandelt
werden.
Bei all diesen Gelegenheiten finden sich Frauen und Männer in aktiver
Interaktion, und die gleichgewichtige Art, wie sie gemeinsam Entscheidungen
treffen, wird durch bestimmte Eigenschaften der Sprachstruktur unterstützt, z.B.
durch die überstarke Markierung der zweiten Person (das Du ist so
wichtig wie das Ich) oder durch die Angabe der Datenquelle (die eigene
Erfahrung jedes Menschen zählt).
Typisch matriarchal, wird bei den Jaqi ein Ehepartner nicht Clanmitglied,
obwohl beide Eheleute Mitglieder der Familie ihrer Kinder sind. Es gibt keinen
einzelnen Haushaltsvorstand.
Familie ist nicht einmal ein Begriff, und es gibt keine Übersetzung für das
Wort Familie in den Jaqi-Sprachen, obwohl es viele Bezeichnungen für
Verwandte gibt.
Außerdem gibt es weder Hausfrau noch Hausmann; einen Haushalt führen ist
keine Funktion. Wenn irgendwo gekehrt werden muss, tut es die Person, die sich
daran stört, oder sie beauftragt ein Kind, es zu tun. Häuser sind hauptsächlich
Orte, in denen man schläft oder etwas aufbewahrt, aber nicht Orte, die irgend
jemand sauber halten muss. In unseren Augen ist jedoch nachlässige
Haushaltsführung ein negatives Klischee, das wir mit "Indianern" und anderen "Primitiven"
verbinden.
Auf der anderen Seite ist die Sauberkeit von Körper und Kleidern wichtig.
Erwachsene sind für die Sauberkeit von Kindern verantwortlich und jede Person
für ihre eigene Sauberkeit.
Den Erwartungen der Eroberer entsprechen
Wenn man auf spanisch fragt, wer die Kleider wäscht, dann ist die Antwort,
dass es Frauen tun. Als ich jedoch zum ersten Mal bei den Jaqi lebte,
kritisierte mich ein Mann für die Art und Weise meines Waschens und zeigte es
mir bzw. tat es für mich. Einmal konnte ich von meinem Haus aus die Waschstelle
am Fluss sehen, und ich zählte oft, wie viele Frauen und wie viele Männer dort
wuschen; es waren nie mehr Frauen als Männer.
Wenn man auf spanisch fragt, wer kocht, dann ist die Antwort auch, dass es
Frauen tun. In Wirklichkeit kochen sowohl Frauen als auch Männer gleich häufig.
Nahrung und Kleidung sowie Bewässerung und das Hüten von Tieren sind gemeinsame
Jaqi-Interessen und gehen alle an.
Dies erklärt die Tatsache, dass besonders männliche AnthropologInnen häufig
zu Schlüssen kamen, die Stammesgesellschaften völlig verzerrt , bzw. durch die
patriarchale Brille gefiltert, darstellten.
Gleichheit in der sozialen Struktur
Wenn das erste Kind ein Mädchen ist, dann sagt man, dass die Ehe glücklich
ist. Namen werden aus Prestigegründen gewählt und sind häufig kompliziert. Die
Nachnamen kommen von Mutter und Vater. Leute in den Anden ändern ihren Namen
nicht, wenn sie heiraten. Nach spanischem Gesetz verlieren die Enkelkinder den
Namen ihrer Großmutter, aber das Kind nimmt das nicht so wahr und verliert
dadurch nicht an Identität. Da die meisten Leute ihren Stammbaum fünf
Generationen zurück vortragen können und es auch jedes Mal, wenn sie sich
vorstellen, tun, mag der Name zwar gesetzlich verloren sein, aber er ist auf
keinen Fall vergessen!
Ihre Identität und die Verwandtschaftsbeziehungen mit ihren Vorfahrinnen
mütterlicherseits werden bei einem Mädchen jedes Mal neu bestätigt, wenn sie
einer neuen Person vorgestellt wird.
Das Baby verbringt seine Zeit nahe an der Mutter - der Körperkontakt wird nur
selten unterbrochen und dann nur aus Arbeitsgründen. Ich besitze Fotografien von
Frauen, die mit ihren Babys auf dem Rücken tanzen. Es hat mich sehr beeinflusst,
dass ich Frauen beobachten konnte, die ein erfülltes Leben außerhalb ihres
Hauses mit den Babys auf ihrem Rücken führten, und es eröffnete mir
Möglichkeiten, die es in meiner eigenen Kultur nicht gibt.
Die Kinder lernen den Arbeitsrhythmus ihrer Mütter und spielen harmonisch im
Körperkontakt mit ihren Müttern. Sobald sie anfangen zu laufen, begleiten sie
auch ihre Väter bei deren täglichen Aufgaben. Mädchen gehen vielleicht mehr mit
ihren Müttern und Jungen mehr mit ihren Vätern mit, aber das hängt auch von
ihrem Alter und den Arbeiten ab, die es zu tun gilt. Abends am Feuer beim Essen
sitzen die kleinen Mädchen eng an ihre Mütter gekuschelt, in ständigem
bestätigendem Kontakt mit ihnen.
Je größer ein Mädchen wird, desto mehr wird sie an der Arbeit beteiligt. So
wie sie immer mehr Wasser in immer größeren Behältern trägt, so bringt sie immer
größere Zweige zum Feuer, bis sie später schwere Holzladungen tragen kann. Sie
fängt auch an, ältere Geschwister mit ihren Tieren zu begleiten, und mit fünf
oder sechs Jahren kann sie schon die Schafe oder Ziegen der Familie hüten.
Später werden es mehr Tiere, Schweine und Kühe kommen dazu. In der gleichen
Weise lernt sie die Landwirtschaft. Zunächst sitzt sie bei ihrer Mutter und
lernt, Mais zu schälen, dann lernt sie, die Körner zu sortieren in solche für
Samen, Nahrung und für den Markt. Ähnlich ist es mit Kartoffeln. Am Anfang
zerstampft sie die gefriergetrockneten Kartoffeln, dann lernt sie, sie zu lagern
und wieder zu sortieren. Langsam lernt sie die komplizierte Ökonomie von hundert
verschiedenen Kartoffelsorten und welche für welchen Zweck am besten geeignet
sind. Sie wird kompetent und erhält und erwartet Respekt.
Sie wird stark.
Als ich zum ersten Mal bei den Jaqi lebte, entdeckte ich, dass Frauen, die
dreißig Zentimeter kleiner und zwanzig Jahre älter als ich waren, zweimal so
viel wie ich tragen konnten.
Plötzlich wurde mit klar, dass ich meine Schwäche gelernt hatte; Jaqi-Frauen
lernen etwas anderes.
Jaqi-Kinder werden gnadenlos "verwöhnt" - das einzige Korrektiv
ist die Verantwortung bei der Arbeit, die alle Kinder tragen müssen. Das Ziel
der Erziehung ist immer Konsens und nicht Befehl und Gehorsam. Während das
Mädchen die schwere Bürde der Arbeit lernt, lernt sie auch die Wichtigkeit des
Spiels und des Vergnügens. Von Anfang an, wenn sie auf dem Rücken der Mutter
Musik und Tanz erlebt, lernt sie, dass Spiel und Arbeit verbunden sind.
Heirat
Junge Mädchen hören früh, dass Ehe kein Idealzustand ist und dass, wenn eine
Frau gut leben und sogar reich werden will, sie nicht heiraten sollte. Ehe und
Liebe werden nicht romantisiert. Im Gegenteil, es gibt sogar eine rituelle Klage,
die alte Frauen in Gegenwart von jungen unverheirateten Frauen anstimmen, um sie
auf die Gefahren und Tücken der Ehe aufmerksam zu machen. (Ehe im patriarchalen
Sinn, wohlgemerkt, denn in Matriarchaten gibt es eine Einrichtung wie unsere Art
der "Ehe" nicht. Anm. H.V.)
Auf der anderen Seite ist emotionale Befriedigung gut, und ein Mann, der nicht
faul ist, kann eine große Hilfe sein beim Bewässern und Pflügen und Haus- und
Kinderhüten, wenn frau zum Markt muss.
Glücklicherweise räumt das Jaqi-System dem jungen Paar Zeit ein, sich
kennenzulernen. Freundschaft zwischen Jungen und Mädchen entwickelt sich schon
im Alter von fünf oder sechs Jahren in den Feldern, gefolgt von Werben - auch in
den Feldern. Das Hüten der Tiere ist eine äußerst soziale Aufgabe, da die Kinder
versuchen, die Tiere dorthin zu bekommen, wo sie ihre Lieblingsfreunde treffen
können. Kinder und Teenager tragen Steinschleudern, angeblich wegen der Tiere,
mit deren Hilfe sie aber Kontakte herstellen. Wenn ein Mädchen einen Hirten
sieht, mit dem sie reden möchte - sich verlieben oder lieben heißt auf Jaqaru
arishi, miteinander sprechen -, dann wirft sie einen Stein in seine Richtung.
Wenn der Wurf beantwortet wird, dann kann das "Gespräch" beginnen.
Sogar in anscheinend arrangierten Ehen kommt später und heimlich die Wahrheit
heraus, nämlich, dass vorher schon viel passiert ist - in den Feldern - und dass
die jungen Leute ihre Eltern dazu brachten, die schon bestehende Beziehung zu
formalisieren.
Die Fiktion, dass vor der Ehe nie "gesprochen" wurde, hat nur die Anthropologen
und vor allem die Priester und Missionare zum Narren gehalten.
Heirat ändert die Identität einer Jaqi-Frau nicht. Ebenso wie ihr Mann bleibt
sie Teil ihrer Ursprungsfamilie. Nie hat sich eine Frau in den Anden bei mir mit
dem Namen ihres Mannes vorgestellt.
Das Wichtigste für Jaqi-Frauen ist, dass sie die Kontrolle über ihre eigene
Reproduktion haben. Es gibt Kräuter zum Abtreiben, es gibt Enthaltung und
vielleicht einige Verhütungsmittel aus der Stadt, aber billige, effektive und
sichere Verhütung existiert nicht. Oft werden daher Schwangerschaft und Geburt
voll Ambivalenz begrüßt. Auf der einen Seite sind Kinder willkommen, denn wer
sonst sollte sich im Alter um einen kümmern, wer sollte einen begleiten, wer
sollte einem bei all der Arbeit helfen.
Andererseits, zu viele Kinder oder zu früh sind eine furchtbare Last. Bei einer
guten Entbindung und keinen allzu großen Sorgen ist die Geburt eines Kindes
etwas Gutes. Vor allem wenn das Kind ein Mädchen ist, empfindet die Mutter eine
tiefe Befriedigung. Nicht nur ist ein Mädchen ein Zeichen für eine gute Liebesbeziehung,
sondern das Mädchen wird der Mutter auch Gesellschaft leisten und Wohlstand
bringen.
Aber auch wenn das Kind ein Junge ist, ist es gut, denn er wird nicht so hart
arbeiten müssen und vielleicht wird er in der Schule Glück haben und damit auch
in der großen Stadt.
Nach Ansicht der Jaqi sind Frauen produktiv. Eine interessante Metapher ist
die Verbindung zwischen Frauen und Samen; Frauen haben die Verantwortung für die
Samenauswahl und für das Pflanzen von einem Jahr zum anderen.
Im Gegensatz dazu gibt es eine schwere Beleidigung, q'ara, mit der
Bedeutung nackt, die für Männer verwendet wird, die unverheiratet und
ohne Landbesitz sind und anderen Menschen sagen, wie sie leben sollen.
Diese Metapher beschreibt natürlich am besten weiße Priester und manchmal Jungen,
die von der Schule heimkommen.
Dieses Wort kann nicht für Frauen verwendet werden, denn dass Frauen so
unproduktiv sein können ist unvorstellbar.
Ich habe in keiner der Jaqaru-Sprachen je einen Witz auf Kosten von Frauen
gehört, und es gibt auch keine feststehenden Wendungen, die sich gegen Frauen
richten.
Eine Frau schuldet dem Clan ihres Mannes Arbeit und Rücksicht, denn sie gaben
ihr ein produktives Familienmitglied. Das gleiche schuldet der Mann dem Clan
seiner Frau für den Verlust eines produktiven Familienmitglieds.
Beide können auf ihre Clans zurückgreifen, wenn sie Hilfe brauchen, um z.B. ein
Fest zu veranstalten oder Felder zu bewirtschaften. Das Verb 'helfen' basiert in
allen drei Jaqi-Sprachen auf dem Wort für Kamerad. Yanhshutma,
d.h. hilf mir, bedeutet buchstäblich "komm und sei mein Kamerad". Kameradschaft
ist nichts anderes als Hilfe.
Politik
Ein Mann kann nur für sich selbst sprechen. Wenn er für seine Familie
sprechen will, braucht er die Meinung und Einwilligung seiner Frau.
Deshalb besucht er Versammlungen mehr in der Rolle eines Berichterstatters
als eines Mitglieds, das entscheiden kann. Wenn nötig, übernehmen die Frauen die
Kontrolle über eine Situation und bekämpfen z. B. eine Landübernahme. Im
allgemeinen aber haben sie wichtigere Dinge zu tun, als in Versammlungen zu
sitzen. Da sie das Geld verwalten, kann nichts Wesentliches ohne sie passieren.
Neuerdings werden aber Gelder von der Regierung oder internationalen
Hilfsorganisationen in die Hände von inkompetenten Männern gegeben, von denen
sie hauptsächlich vergeudet werden. Jedefrau weiß, dass Männer nicht mit Geld
umgehen können, und sogar in den Städten werden Frauen in männerzentrierten
Organisationen als Schatzmeisterinnen vorgezogen.
Die typische Struktur war, dass alle Ämter von einem Paar, einer Frau und
einem Mann, besetzt werden, da beide für notwendig und für komplementär gehalten
wurden. So haben z.B. beim Verfassen der Grammatik für die Aymarasprache, auf
besonderen Wunsch der Aymara selbst, zwei Aymara-Autorlnnen, eine Frau und ein
Mann, mitgewirkt, weil es selbstverständlich ist, dass niemand die Sprache von
einem Mann allein gut lernen kann.
Geld
Jaqi-Frauen verwalten das Geld. Sie planen für die Gemeinschaft und sorgen,
dass alle haben, was sie brauchen. Schon kleine Mädchen lernen, wie sie komplexe
ökonomische Arrangements, die um Ernte, Tiere und Markt kreisen, machen können.
Sie sind gut in der Arithmetik, die dazu nötig ist, und können z.B. Zinsraten
auf Anleihen, Profitraten und Transportkosten berechnen und Preise für den Ein-
und Verkauf von Waren festlegen.
Frauen können das unabhängig davon, ob sie eine Schule besuchten und ob sie
schreiben und lesen können.
Ein kleines Mädchen lernt, dass sie eine Laufbahn als Bäuerin haben und
andere Aktivitäten nebenher verfolgen wird. Einige Frauen betonen ihre
Marktaktivitäten mehr und betrachten sich hauptsächlich als Geschäftsfrauen. (siehe
auch Juchitàn) In Städten wie La Paz haben Frauen die Kontrolle über die Märkte.
Markttraditionen werden oft von der Mutter auf die Tochter übertragen.
Viele, wenn nicht die meisten Frauen ergänzen ihre Einnahmen durch zusätzliche
ökonomische Aktivitäten. Sie spinnen, weben, schneidern oder stricken, sie
führen Pensionen und Restaurants. Manche bauen Alfalfa an, selbst wenn sie
selber keine Kühe besitzen, und vermieten ihre Felder als Weideland im Austausch
für Käse oder Geld. Einige besitzen Maulesel oder Pferde und vermieten sie als
Lastenträger. Einige besitzen Laster. Vor allem lernt ein Mädchen, dass sie, um
gut leben zu können, sich in viele verschiedene Richtungen entwickeln muss. Ihre
Karriere als Bäuerin ist breit angelegt und erfordert vielschichtige
Managementfähigkeiten.
Quelle:
Martha James Hardman in: Trömel-Plötz, Frauengespräche
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