Eine andere Kultur annehmen - geht das? Drucken E-Mail

In diesem Textbeitrag geht es uns um das Thema des Übergangs von einer Gesellschaftsform zur anderen. Die eine Kultur zu verlassen, um in die andere einzugehen. Manchen mag das unsinnig erscheinen, und sie lehnen es ab. „Going over native”, wie es da heißt, hat keinen Sinn, denn Lösungen werden dadurch nicht gefunden für jene Probleme, die jeder einzelne und jede Gesellschaftsform für sich und in sich finden muss.

Andere lehnen diesen Übergang als unmöglich ab, denn niemand könne diesen Schritt vollziehen.

Du bist als Europäer geboren und kannst nicht Indio werden und wirst es auch nie werden. Und so bleiben auch Indios Indios. Das ist eine unveränderliche Tatsache. Das habe Goethe schon ganz deutlich zum Ausdruck gebracht:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen

Dieser Art von Einwänden gegenüber ist zu betonen, dass die europäische Kultur in ihrer Verbreitung seit Jahrhunderten derart vorgeht, sich für universal zu erklären und von anderen Kulturen verlangt, sich zu „kultivieren” bzw. zu „zivilisieren”.

Das bedeutete und bedeutet weiterhin ganz eindeutig sich dem Westen anzupassen, denn das sei der einzige Weg für die Entwicklung der Menschheit.

Die sogenannte Globalisierung verfolgt genau diesen Weg: die Schablone westlicher Kultur dem Rest der Welt aufzustülpen. Wenn das Ziel menschlicher Entwicklung ein einziges ist, dann müssen eben alle Menschen diesen Weg gehen und sich ihm entsprechend wandeln. Sie müssen ihre Kultur verlassen, um in die andere einzugehen oder sich ihr einzufügen.

Von dieser Forderung her gesehen, wird gar nicht die Frage erhoben, ob die Wandlung möglich sei oder nicht. Sie wird einfach als zur Natur der Dinge gehörig angesehen. Das ist der Weg und einen anderen gibt es nicht.

Dieser Auffassung liegt eine Perspektive und Position ungeheurer Vereinseitigung zugrunde.

Andere Kulturen werden aus Unkenntnis als primitiv und unwissenschaftlich bezeichnet und aus derartigen Gründen wird ihr Lebensart als ungangbarer Weg beiseite geschoben.

Sie können als Folklore und auch aufgrund einer großen historischen und künstlerischen Vergangenheit von wirtschaftlichem Interesse sein, um den ertragreichen Tourismus anzukurbeln und zu fördern. Aber bei dieser Art wirtschaftlich-touristischer Zurschaustellung anderer Kulturen werden diese nicht zur Infragestellung des eigenen Weges herangezogen.

fremde_kulturen.jpg Ganz im Gegenteil, der Missbrauch anderer Kulturen zu touristischen Zwecken erniedrigt diese nicht nur zur Dekoration für anziehende Reiseprogramme, sondern verdeckt die Botschaft der Kosmovision, die uns aus anderen Kulturen entgegentritt, uns hinterfragt und erschüttern will.

Einseitigkeit westlicher, herrschender Kultur

Die Tatsache, dass diese anderen Kulturen zur Dekoration verniedlicht und erniedrigt, aber auch derart verdeckt werden, so dass ernsthaft nur noch der Weg des Westens übrig zu bleiben scheint, ist gleichsam einer der Gründe, der zur gegenwärtigen, umfassenden Krise geführt hat.

Denn so erfolgreich die westliche Kultur auch auf technologischem und naturwissenschaftlichem Gebiet sein mag, deren Vereinseitigung führt genau dazu, alles aus dem Blickwinkel dieser Gebiete zu sehen, zu beurteilen und auch abzuurteilen. Die dominierende, wissenschaftliche Perspektive ist die der Quantifizierung, die Qualitäten notwendig ausschließt oder beiseite lässt.

Daraus ergibt sich eine Blindheit gegenüber anderen Gesellschaftsformen und Kosmovisionen. Aber nicht nur das, sondern dieselbe Vereinseitigung in Richtung Quantifizierung führt zum Missbrauch nicht quantifizierbarer Phänomene der Wirklichkeit und zum zerstörerischen Verbrauch einer Welt, die scheinbar den Menschen zur Verfügung steht.

Es drängt, aus dieser Vereinseitigung herauszukommen. Andere Kulturen existieren und begegnen uns als helfende Mitarbeiter, eine verkümmerte Weltsicht in Frage zu stellen, zu hinterfragen, ja, sie zu überwinden.

Wir müssen lernen, die hilfreichen Begegnungen mit anderen, grundverschiedenen Kulturen als Möglichkeiten zu begreifen, um zu erkennen,

  • wie begrenzt die westlich-europäische Kosmovision ist.
  • Wie zerstörerisch diese sich gegenüber anderen Kulturen benimmt, und
  • wie sie uns allen Scheuklappen aufsetzt, damit wir nicht beginnen, über die künstlichen Mauern hinwegzuschauen und uns jenseits derselben zu begeben.

Damit verbunden ist das verlassen der eigenen Kultur - auch wenn es nur für einen befristeten Aufenthalt, einen längeren Urlaub oder umfassende Lektüre ist. Es geht darum, in andere Kulturen einzutreten, genauer ausgedrückt, sich in sie zu inkulturieren.

Quellen:

Modifizierter Textabschnitt aus Carlos Lenkersdorf Leben ohne Objekte. Sprache und Weltbild der Tojolabales, ein Mayavolk in Chiapas.

Foto: Malwettbewerb "Fremde Kulturen"