Männer, Phallus und Kult - Die Bedeutung von Onanie im Patriarchat und im Alten Amerika Drucken E-Mail
Onanie wird im Patriarchat unterdrückt, erfährt in anderen Kulturen jedoch Anerkennung.

Manchmal im richtigen Verhältnis zur Körpergröße des Besitzers, manchmal übersteigert groß, zuweilen auch solo und mit der Eichel als Frisur, unter der das Gesicht seines Besitzers hervorsieht: Die alten Kulturen Amerikas bilden den Phallus in Ton, Stein und Holz sowie auf Textil ab.

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Steigbügelgefäß mit Masturbationsdarstellung, Peru um 1200. Gebrannter Ton. H 19 cm,
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Weil die offene, ja ostentative Zurschaustellung dieses Körperteiles nicht als Teil der repräsentativen Schicht unserer Kultur gilt, findet die Deutung solcher Darstellungen meist aus unzulässig verzerrter Perspektive statt. Die Hand des Mannes am Zeugungsglied wird mit Abscheu als Zeichen der "Onanie" betrachtet. Selten besteht Klarheit über den negativ belegten Hintergrund dieser Handlung.

Onan, eine Figur des Alten Testaments, wird von Gott dafür bestraft, dass er seinen Samen zu Boden fallen lässt. Doch geht es hier nicht um die Sanktionierung einer als unstatthaft empfundenen Sexualpraxis, denn die ist erst Wirkung folgender Ursache:

Nach den Regeln der Viehzüchtergesellschaft, aus der Onan stammt, hätte er die Pflicht, die Frau seines verstorbenen Bruders in jeder Hinsicht zu ehelichen. Es wird von ihm erwartet, mit ihr Kinder zu zeugen, sie zu heiraten, sie zu versorgen und damit die Familie des Bruders und dessen Abstammungslinie weiterzuführen.

Doch Onan will sich dem nicht fügen. Deshalb praktiziert er beim Beischlaf mit der Frau des Bruders coitus interruptus, zeugt keine Kinder und vermeidet damit für sich persönlich die fremd-bestimmte Ehe- und Familiengründung.

Was für ihn die Vermeidung einer lebenslänglich ungewollten Lage bedeutet, heißt für die Gesellschaft: Eine Frau bleibt unversorgt und fällt damit allen zur Last; eine Abstammungslinie verödet, was eine ungewollte Lockerung im Gefüge der Gemeinschaft bedeutet.

Der Einzelgänger Onan richtet, modern gesprochen, durch passiven Widerstand gesellschaftlichen wie volkswirtschaftlichen Schaden an.


Genaugenommen ist Onanie also eine Unterlassung, die mit einem religiösen Tabu belegt wird, damit kein so weitreichender Schaden entsteht. Dies ist vor dem Hintergrund des Weltbildes einer altorientalischen Viehzüchterkultur nur zu verständlich.


Wenn bei den Bodenbauergesellschaften des Alten Amerika aus dem Penis eines Hohlgefäßes Flüssigkeit zu Boden fällt, wenn sitzende, tanzende, ja sogar in Trance versunkene Männer und manchmal Schamanen ihr Glied bewegt wie unbewegt präsentieren, ist zu beachten, dass dies vor dem geistigen Horizont von Gesellschaften geschieht, die die Erde als Mutter allen Seins und Werdens sehen und bei denen die Trennung von Materie und Lebendigem, man könnte vereinfacht sagen, von Stein und Sein, nicht ausgeprägt ist, womöglich nicht einmal existiert.

Wenn dem so ist, dann ist der woher und in welchem Zusammenhang auch immer auf den Boden fallende Same kein verlorener, sondern ein erwünschter.

Er ist notwendig zum Wachstum und Gedeih der Erde. Er stimuliert das Wachstum ihrer Kinder, der Pflanzen. Somit wird auch das Entstehen der Menschen möglich, die sich von ihnen ernähren und dadurch erst leben — und erneut leben lassen können.

Was in der alttestamentarischen Umgebung als Verstoß gegen jegliche Sitte, als Dem-Leben-Im-Weg-Stehen gesehen und verurteilt würde, würde in altamerikanischem Ambiente mit großer Sicherheit als heilige Handlung, also im religiösen Kontext sehr erwünscht und wirtschaftlich hochnotwendig interpretiert werden.

Gewagt formuliert: Der Lebens- und Sicherheitsverweigerer Onan aus dem Alten Orient würde so zum Lebensspender und Sicherheitsgaranten im Alten Amerika. Es träfe ihn nicht der Zorn des Einen Gottes, eher würde ihm wohl die Anerkennung der gesamten Priesterschaft zuteil.

Quelle:

Robert Fin Steinle, Fruchtbarkeit? Erotik? Sex? Im Alten Amerika