Nein - nicht die Wahl zwischen Kind oder Karriere macht der Frau das Leben schwer.
Beruf und Haushalt bekommt sie leicht unter einen Hut, im Vergleich zu der Doppelrolle,
die das Patriarchat ihr abverlangt!
Wir müssen genau hinschauen, wenn wir das weltanschauliche Geflecht der patriarchalen
Theorie entwirren wollen. Wir müssen exakt analysieren, um die unbewussten patriarchalen
Wurzeln zu erfassen und wahrzunehmen.
Auch die härtesten Patriarchen der Geschichte haben entweder eine
tiefe Bindung an ihre leibliche Mutter aufrecht erhalten oder haben Verständnis und
emotionale Geborgenheit bei der oft gering geachteten Ehefrau, der Hetäre oder sogar der
Prostituierten gesucht.
[Sprichwort: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau.]
Nahezu alle Biografien berühmter Männer enthalten eine
mütterliche Frauenfigur, die als Kraftquelle im Hintergrund sein Leben fördert oder eine
Lebensgefährtin, die ihr ganzes Leben daran gibt, den "großen" Mann wie ein
Kind zu umsorgen.
Dabei wird es zu einer typischen Regel, dass diese
Betreuerinnen-Rolle von der Gattin auf die Tochter übergeht -
ein Gesellschaftsmuster das immer noch in Gebrauch ist! (Auch Freuds hochbegabte Tochter
Anna hat ihren Vater bis zu dessen Tod gepflegt...)
Die Doppelrolle der Frau im Patriarchat wird in
der Fachliteratur "Muttersklavin" genannt (siehe: Carola
Meier-Seethaler). Diese Rolle wird selten offen beim Namen genannt.
Jean Anouilh etwa legt sie in seinem Stück "La valse des toreros" der Figur
des Arztes in den Mund: "Wir alle bleiben kleine Buben. Nur die Mädchen werden
erwachsen."
Und über folgenden Witz können bereits 10Jährige lachen:
"Was haben patriarchale Männer mit Hunden gemeinsam?
Mit 28 sind sie eigentlich erst 4".
Es steht auch die Redensart vom "Kind im Manne", mit der
sein infantiles bis verantwortungsloses Verhalten entschuldigt wird und das eine
Muttersklavin voraussetzt.
Sehr
häufig wird diese weibliche Doppelrolle religiös oder romantisch verklärt.
Beispielsweise in der Idealgestalt der Madonna, die zugleich Mutter und Magd des
"Herrn" ist. Die Faszination, die von Jan Vermeers berühmtem Gemälde "De
Keukenmeid" über Jahrhunderte hinweg ausging und -geht, ist vor diesem Hintergrund
zu verstehen. Sie ist ganz die fügsame Muttergestalt. Diese Darstellungsweise der Frau erspart dem
väterlichen (patriarchalen) Mann das Eingeständnis seiner Abhängigkeit: Wenn es ihm gelingt, der
irdischen Frau überirdische Muttertugenden abzuverlangen, weil das ihre 'gottgewollte'
oder 'naturgewollte' Bestimmung sei, dann macht er sich zu Recht zum Empfangenden und
weist der Frau Schuldgefühle zu, sobald sie dieser Rolle nicht entspricht.
Diese Erwartung passte noch einigermaßen, so lange die Muttersklavin nicht
gleichzeitig die Geliebte des Mannes war. Bis in die Fünfziger Jahre hinein verbannte die
christlich-puritanische Moral die sinnliche Liebe aus dem heiligen Zweck der Ehe bzw. die
doppelbödige patriarchale Moralvorstellung erlaubte dem Vatermann mehrgleisige Beziehungen.
Erst der Anspruch der bürgerlich-romantischen Liebesidee an die Ehefrau, die in einer
Person die
Tugenden zu verwirklichen habe, wird zur Seelenakrobatik für die Frau.
Dies um so mehr in der Kleinfamilie der Gegenwart, in welcher die Erwartungen des
Mannes an die emotionalen Ergänzungsleistungen der Frau größer sind als je zuvor,
nachdem das eheliche Heim zur einzigen Oase einer stressbesetzten und immer härteren Welt
der Technik und des Wettbewerbs geworden ist.
Von diesem erhöhten Erwartungsdruck auf das Glück in der Ehe sagt
Erich Fromm:
"... es gibt kaum ein Unternehmen, das mit derart ungeheuren Erwartungen begonnen
wird und mit derart großer Regelmäßigkeit fehlschlägt."
[in "Die Kunst des Liebens", Darmstadt 1962]
Dieser Erwartungsdruck ist nicht nur Ursache für die ständig steigenden
Scheidungsraten, sondern auch für die Ausbildung bestimmter Formen ehelicher
Gewalt.
Dabei geht es noch nicht mal so sehr um die offensichtliche körperliche Gewalt -
obwohl auch diese in der geschrumpften Kleinfamilie größere Chancen hat, ganz einfach
weil es an erwachsenen ZeugInnen mangelt. Es geht vielmehr um die Möglichkeit der
Aggression und Einschüchterung.
Wieso?
Unter der Voraussetzung gegenseitiger erstrebter Gefühlsnähe und der eben
geschilderten männlichen Wunschprojektionen, wird der Mann die leiseste Störung der
ehelichen Harmonie mit Gereiztheit beantworten. Die Frau wird ebenso sensibel auf die
offenen oder versteckten Aggressionen reagieren:
Ein kurzer, schneidender Ton in der Stimme des Ehemannes kann genügen,
um die Frau auf ihren Platz zurückzuverweisen, sobald sie von der erwarteten Rolle
abweicht.
Und je mehr der Vatermann sie unbewusst zur Muttersklavin macht, desto schärfer wird der
"Kindtyrann" in ihm reagieren, wenn die Frau seine Wünsche unberücksichtigt lässt oder sich eigenen Interessen zuwendet.
Zeichnet sich aber eine seelische Entfremdung ab, so wird ihn das in Panik versetzen,
worauf er unter Umständen mit Drohungen oder sogar mit Gewalt reagiert.
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