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Du kannst dich doch sicher an die Taufe von
Dornröschen erinnern? Da kamen die zwölf eingeladenen Feen und jede
sagte ihren Wunsch für das kleine Mädchen.
"Ich wünsche dir Wohlstand, ich wünsche dir Tugend,
ich wünsche dir Schönheit" usw.
Na ja, patriarchale Wünsche für eine Frau. Auch
Feen müssen sich bisweilen den Herrschenden unterordnen. Aber die 13.
nicht, die hatte Wut im Bauch! Sie kam zur Tür herein gefegt, tat ihren
Wunsch, und verschwand: "Mit 15 Jahren sollst du dich an einer Spindel
stechen und tot umfallen."
Leider hatte die zwölfte Fee noch ihren Wunsch
frei, sonst wäre diese kleine Amazone in der Wiege für's Patriarchat
verloren gewesen. Wieso?
Du kennst die Symbolik nicht?
Wenn sich ein heranwachsendes Mädchen an einer
Spindel sticht, dann blutet es. Frauen stechen sich alle an einer
Spindel - bildlich gesprochen. Der wichtige Teil in dem Wunsch ist
aber: ...wenn deine Sexualität erwacht, wenn du Frau wirst, dann
sollst du als solche "tot" umfallen. Nicht sterben, sondern im
patriarchalen Sinn tot. Für Vatermänner nicht verfügbar, eine
freche frivole Freidenkerin.
Wenn die zwölfte Fee
nicht so angepasst gewesen wäre und den Wunsch in die vom System erwünschte
Richtung gedreht hätte. Schließlich war sie beim Herrscher zum Essen
eingeladen, und streckte ihre Füße unter seinen Tisch ...
"Ein hundertjähriger, tiefer Schlaf" hieß es dann.
Ein ganz üblicher Wunsch. Alle Kinder bekommen ihn mit auf den Weg;
bei einem Mädchen ist er genauso üblich wie der für Tugend und
Schönheit.
Und wundert es euch dann, wenn die Frauen verpennt
durch Leben trotten? Immerzu träumend? Vom Prinz, der ihnen Glück und
Freude und Liebe und alles das bringt, was die linientreuen Feen ihnen
NICHT gewünscht haben.
Aber Dornröschen hatte einen Vorteil, den die meisten
Frauen in unserer Gesellschaft nicht haben.
Sie stieg also, wie wir von den Brüdern Grimm
wissen, an ihrem 15. Geburtstag in das kleine Turmzimmer hinauf und
fand dort die Alte, die mit dem Spinnrad. Und diese Alte hatte Zeit
und Dornröschen auch.
Aber was jetzt kam, verschwiegen die Grimm'schen Brüder
(wahrscheinlich hatten sie ohnehin keine Ahnung davon). Denn eine
solche Begegnung, die in anderen Ländern vor der ersten Menstruation
absichtlich herbeigeführt wird, prägt eine Frau für immer. Die Weise
Alte erzählte der Jungen, was sie als Frau wissen muss. Alles. Und dann
erst berührte das Mädchen die Spindel und schlief ein.
Und der Wunsch der zwölften Fee nahm seinen Lauf.
Die junge Frau dämmerte im Schloss abgeschottet vor sich hin. Bis dann
dieser Typ kam und sie küsste. Na, da wurde sie aber hellwach! Den
sollte sie heiraten? So leben wie ihre Mutter mit ihrem Vater? Nein,
danke. Sie erinnerte sich schlagartig, was die Weise Frau im Turm ihr
gesagt hatte und beschloss, ihren eigenen Weg zu gehen.
Davon wussten aber die Brüder Grimm nichts und
konnten diesen Aspekt nicht in ihre Geschichte einbauen. Deshalb
mussten sie ein den Männern gefälliges Happy-End erfinden und das
ganze als Märchen verkaufen. Das Patriarchat hat es ihnen
auch abgekauft und in seiner Einfalt über die ganze Welt verbreitet.
Jede Frau aber weiß, dass es nur ein Märchen war.
So könnte es gewesen sein ... Und damit die Männer nicht so fragend
schauen: Es gibt auch ein Märchen für sie "Das
kürzeste und wunderbarste Märchen der Welt". Im Übrigen ist
Dornröschen eine Initiations-Geschichte.
Info zu Initiation und ein
Film (Einweihung). |