von Irene Fleiss
Es war einmal eine Frau namens Ebony Snow, die lebte mit ihrem Mann in einem wunderschönen Schloss mitten im Wald. Sie wünschte sich sehnsüchtig ein Kind, doch ihr Mann schaute lieber Sport im Fernsehen (sie hatten eine Satellitenschüssel und empfingen mehrere Sportkanäle), als mit seiner Frau zu schlafen.
Dabei war Ebony sehr schön mit ihrem blauschwarzen Haar, der weißen Haut und den vollen roten Lippen.
Obwohl sie einen Konzern geerbt hatte, tat sie nichts anderes als in ihrem erlesen eingerichteten Turmzimmer zu sitzen und verträumt in die Landschaft zu schauen.
Sie war keine besonders kluge oder belesene Frau, und tatkräftig war sie auch nicht, doch als der gutaussehende neue Chauffeur namens Jäger eintraf, zögerte sie nicht lange und war wenig später schwanger.
Ihr Mann wunderte sich ein wenig, doch er war zu sehr damit beschäftigt, die Aufzeichnungen verschiedener Baseball-Endspiele zu vergleichen, um mehr als "Tatsächlich? Ist ja nett, Schätzchen" zu sagen.
Ebony verbrachte eine schöne Schwangerschaft, bei der
sie pausenlos den Film "Bodyguard" anschaute und beschloss, ihr Kind Kevin
oder Whitney zu nennen.
Bei der Geburt ging etwas schief, und bis die Rettung eintraf, konnte
Ebony gerade noch den Namen "Whitney" flüstern, dann starb sie. Ihr Mann
war untröstlich und sah sich außerstande, sich um das Kind zu kümmern.
Personal war gut und schön, doch ein Mädchen brauchte eine Mutter, fand
er, und so rief er ein renommiertes Heiratsinstitut an, fuhr einige Wochen
später in die Stadt und kehrte wiederum einige Wochen später mit einer
neuen Frau zurück.
Gwyn Snow, ihres Vornamens wegen stets "die Königin" genannt, war geschieden, arbeitslos, ohne Wohnung und Geld und bereit, sich um einen desinteressierten Mann, ein großes Haus mit Personal und ein kleines Mädchen zu kümmern. Sie wurde nicht glücklich in dieser Ehe, doch auch nicht unglücklich, und mehr hatte sie nicht erwartet. Sie war pragmatisch und erkannte eine Lebensstellung, wenn sie eine sah.
Das einzige außer ein paar Kleidern und vielen Büchern, das die Königin mitbrachte, war ein großer Spiegel, den sie in ihrem Ankleidezimmer aufstellte und vor den sie sich immer setzte, wenn sie nicht mehr weiter wusste.
Dann fragte sie:
"Spieglein, Spieglein, an der Wand,
sag mir, in was hab´ ich mich verrannt?"
und schaute so lange ihr Spiegelbild an, bis ihr eine Antwort kam.
Zunächst gab es nicht viele Gründe, den Spiegel zu befragen. Sie tat es nur einmal, als sie feststellte, dass ihr Mann sich nicht um das Erbe kümmerte, das Ebony ihrer Tochter hinterlassen hatte, und sie kam zu dem Schluss, dass Whitneys Finanzen zu ihren Aufgaben als Stiefmutter gehörten.
Also krempelte sie die Ärmel auf und begann, das Firmenimperium und das Leben in dem einsam gelegenen Schloss zu organisieren.
Als ihr Mann zu einem Fußballweltmeisterschaftsendspiel fuhr und bei einer Schlägerei umkam, trauerte sie um einen harmlosen Menschen, nicht aber um ihren Mann, und machte mit ihrer Arbeit weiter wie bisher.
Solange Whitney klein war, lief alles bestens. Die Königin mochte Whitney, und Whitney mochte die Königin. Doch als sie sieben oder acht Jahre alt war, fand Whitney Photos von Ebony und sie war so entzückt von ihrer schwarzhaarigen Mutter mit der schneeweißen Haut - noch ein bisschen schwärzeren Haaren und weißerer Haut, als sie selbst hatte - , dass sie nichts anderes mehr tat als nach Ebony zu fragen, über Ebony zu reden und Ebonys Bilder anzuschauen. Was immer die Königin ihr auch vorschlug oder mit ihr unternehmen wollte, Whitney schaute sie verächtlich an, drehte sich um und ging "Ebony and Ivory" singend davon.
Manchmal kam sie auch mit den verrücktesten Wünschen, und wenn die Königin sie ihr abschlug, sagte sie seelenvoll: "Meine richtige Mutter wäre nicht so gemein zu mir." Oder wenn sie ganz bösartig war und die Königin richtig verletzen wollte, sagte sie: "Meine richtige Mutter würde mir diese Kleinigkeit kaufen, weil sie nicht eifersüchtig auf mich wäre."
Manchmal musste die Königin den Wunsch bekämpfen, Whitney zu schlagen oder zu schütteln und sie zu fragen, ob sie denn glaube, dass schwarze Haare und weiße Haut tatsächlich so viel schöner wären als braune Haare und cremefarbene Haut. Doch sie tat es nie, und so oft sie auch den Spiegel fragte, was sie falsch machte, stets antwortete er, dass sie nichts ändern könne.
"Gimme more", forderte Whitney regelmäßig, und die Königin sagte stets: "Das kommt nicht in Frage, Whitney!", und dachte dabei wohl zum hundertstenmal, welch blöden Namen ihre Vorgängerin ihrer Tochter gegeben hatte.
Kein Wunder, dass Whitney völlig daneben war! Na ja, was konnte man von einer Frau erwarten, die Ebony hieß und nicht willens oder imstande war, sich um ihr großes Erbe zu kümmern?
"Ich bin reich", schmollte Whitney. "Es ist mein Geld! Es steht mir zu! Money for nothing! Du willst es nur für dich allein haben!"
Die Königin holte tief Luft. "Geh ins Bett", befahl sie mit eiserner Beherrschung. Whitney heulte und rannte in ihr Zimmer, das sie mit vergrößerten Photos von Ebony tapeziert hatte. Die Königin seufzte und hoffte, dass Whitney diese Phase bald überwinden würde.
Während Whitney zu einem hübschen Mädchen heranwuchs, das ihrer Mutter immer ähnlicher sah - wobei sie tatkräftig nachhalf -, tröstete sich die Königin mit dem gutaussehenden Chauffeur Jäger, der schon Ebony Snow die Tage versüßt hatte, ohne um die Folgen zu wissen.
Whitney verbrachte ihre Zeit damit, die Photos ihrer
Mutter einzusaugen, in den Spiegel zu schauen und die Ähnlichkeiten genau
in ihrem Tagebuch festzuhalten und Musik zu hören.
Auch von ihrem Vater schwärmte sie auf kindliche Weise und beklagte sich
bei ihm, warum er sie mit dieser Frau allein zurückgelassen hatte. Schule
nahm sie nicht wichtig; wozu sollte sie lernen, da doch ein florierendes
Firmenimperium nur dazu existierte, sie zu ernähren? Alles lief bestens,
und Whitney hatte nicht vor, daran etwas zu ändern.
Sie wurde 15, tanzte mit Kopfhörern durch die Gegend, sang "Another brick in the Wall" und "I wanna break free" und tat sich schrecklich leid. Sie ging viel aus, blieb lange weg, flirtete und trank und probierte alle mögliche Drogen. Sie färbte sich die Haare tiefschwarz, verwendete großzügig weißen Puder und bemalte ihre Lippen blutrot. Sie wurde 16, und wenn die Königin ihr Vorhaltungen machte, schrie sie stets: "Ich bin erwachsen, verdammt!" und rannte in ihr Zimmer, um über den Hochzeitsphotos ihrer Eltern zu schmollen.
Die Angestellten im Schloss und im Konzern nannten sie Prinzessin und meinten damit "verwöhntes Gör", doch Whitney fasste es als Kompliment auf und bezeichnete sich gerne selbst so.
Die Königin schaut fast täglich in den Spiegel und fragte ihr Abbild, was sie mit Whitney anfangen sollte, doch lange Zeit bekam sie keine Antwort.
Eines Tages aber sagte ihr Spiegelbild:
"Du lebst ja nicht schlecht, Mädel, bist klug, effizient, tust, was notwendig ist. Und du liebst dieses undankbare Balg wirklich. Aber das nützt dir alles nichts. Wenn die Kleine ihr Erbe übernimmt, und bis dahin ist nicht mehr viel Zeit, dann bringt sie alles binnen weniger Jahre durch. Sie verpulvert es, fällt auf einen Mitgiftjäger rein und bildet sich noch ein, dass es deine Schuld sei."
Da wusste die Königin, dass sie etwas unternehmen musste, um Whitney zu helfen, eine erwachsene Frau zu werden.
Ein armes Mädchen konnte es sich leisten, auch noch mit
Mitte Zwanzig unreif und unvernünftig zu sein, ein Mädchen aber, von dem
mehrere tausend Arbeitsplätze abhingen, hatte eine gewisse Verantwortung.
Also rief die Königin Whitney zu sich und teilte ihr mit, dass sie
beschlossen habe, sie in ein Internat zu geben, wo sie bis zu ihrer
Volljährigkeit bleiben und, streng bewacht, lernen werde.
"You´re the devil in disguise!", schmetterte Whitney außer sich vor Wut.
"Oh, um Himmels Willen, Whitney, werd' erwachsen!",
rief die Königin wütend und hätte sich gleich darauf am liebsten die Zunge
abgebissen. Wenn es etwas gab, das Whitney in ihrem kindischen Trotz noch
bestärken würde, dann war es dieser Satz.
So war es auch.
Doch die Königin ließ sich nicht beirren, packte Whitneys Koffer - eine beachtliche Anzahl, damit das Mädchen nichts entbehren musste, das sie gewohnt war - und beauftragte Jäger, Whitney ins Internat zu fahren.
"Halt unterwegs nicht an", beschwor sie ihren Liebhaber. "Lass dich auf nichts ein. Das Kind ist raffiniert, sie wird alle nur denkbaren Tricks ausprobieren. Red nicht, schau sie nicht an, lass sie heulen und wüten, so viel sie will. Liefere sie im Internat ab und gib mir sofort Bescheid, dass sie gut angekommen ist." Trotz allem liebte die Königin Whitney und wollte nur das Beste für sie.
"Mach ich", sagte Jäger und dachte, dass die liebe Queenie ein bisschen hysterisch sei. Whitney war zwar ein Biest, aber sie war ein Teenager, um Himmels Willen! Was sollte sie schon unternehmen?
Nun ja, Queenie kam halt allmählich in die Jahre, in denen Frauen spinös wurden, so gut sie sich sonst auch gehalten hatte. Leider war Jäger bei weitem nicht so intelligent oder einfühlsam, wie er gutaussehend und potent war.
Das wusste die Königin zwar, doch sie nahm an, dass es reichen würde, um Whitney im Internat abzuliefern; schließlich gab sie ihm genaue Instruktionen.
Natürlich war er Whitney nicht gewachsen. Sie musste ihn nicht einmal verführen, was sie als letzten Ausweg eingeplant hatte (immerhin war er ziemlich alt in ihren Augen). Sie jammerte so lange, dass sie aufs Klo müsse, bis er genervt die nächste Autobahnraststätte ansteuerte und im Lokal vor einem großen Bier wartete, während Whitney aufs Klo rannte und leise, aber triumphierend "Hit the road, Jack" sang.
Sie hatte ihn richtig eingeschätzt; es dauerte eine
Viertelstunde, bis er sich wunderte , und noch einmal die selbe Zeit, bis
er es wagte, auf der Damentoilette nachzuschauen.
Zu diesem Zeitpunkt thronte Whitney längst auf dem Beifahrersitz eines
Lastwagens und gondelte Richtung Italien. Und während Jäger verzweifelt
überlegte, ob er zuerst die Gegend absuchen oder gleich die Königin
benachrichtigen sollte, hüpfte Whitney aus dem Lastwagen, trällerte zum
Abschied "Goodbye Sam" und beschloss, ein Stück zu Fuß zu gehen, um ihre
Spur zu verwischen.
In Jeans und Turnschuhen, ohne mehr Gepäck als eine Packung Papiertaschentücher und ein Mäppchen mit Photos von Ebony, wanderte sie quer durch Felder voll reifer Zerealien. "Oh what a beautiful morning", sang sie lauthals, ungeachtet der Tatsache, dass es bereits später Nachmittag war, "oh, what a beautiful day!" Sie verließ das Feld und wanderte über unbefahrene Nebenstraßen.
Eine Weile später begannen ihre Füße zu schmerzen, und sie wurde immer langsamer. "These boots are made for walking", versuchte sie sich aufzumuntern, doch weder die Blasen an ihren Zehen noch ihre brennenden Fußsohlen glaubten ihr, und weinerlich sang sie "I´m just a lonely boy, lonely and blue".
Kein Wunder, dass der rotschwarzweiß bemalte Truck auf dem Parkplatz ihr wie ein Geschenk des Himmels erschien. "It´s a kind of magic", hauchte sie entzückt und klopfte an die Tür des Trucks. Niemand antwortete. Es waren auch keine Geräusche zu hören, die Fenster waren dunkel. Ungeniert probierte Whitney die Türklinke, und tatsächlich schwang die Tür auf.
Whitney stieg ein, suchte den Lichtschalter und durchwanderte im trüben Licht einer Glühbirne den Truck. Er war groß und seltsam eingerichtet. Ein riesiges Matratzenlager, ein langer Tisch, auf dem benutztes Geschirr stand - dem unterschiedlichen Eintrocknungsgrad der Essensreste nach zu urteilen, von mehreren Mahlzeiten, aber für so etwas hatte Whitney keinen Blick - , Lautsprecherboxen, ein Keyboard, Instrumentenkästen.
Ohne Scheu schaute Whitney in den Küchenschränken nach,
nahm sich Brot, Butter, Wurst und Käse und eine Dose Whiskey-Cola und
verputzte alles im Stehen.
Dann wurde ihr ihre Müdigkeit bewusst. Sie schubste das Durcheinander von
T-Shirts, Unterhosen und Chipspackungen auf dem Bett mit dem Fuß beiseite
und kuschelte sich ohne zu zögern in die benutzte Bettwäsche. Sie schlief
sofort ein und schlief den Schlaf der Gerechten.
Der Morgen graute bereits, als sieben Gestalten in
abgewetzter Lederkluft und Jeans sich dem Bus näherten. Sie sangen leise
"No one loves short people" und lachten dabei laut. Sie waren alle
überdreht und nicht ganz nüchtern, aber nicht wirklich betrunken, und so
bemerkte der Vorderste sofort den Lichtschein im Bus.
"He, Bull, siehst du das auch?", fragte er.
Der Angesprochene nickte und wandte sich zu den anderen um. "He, welcher
Idiot hat das Licht brennen lassen?", fragte er. "Jetzt wird kein Strom
mehr für die Verstärker da sein!"
"Ich habe abgedreht, das weiß ich genau!", protestierte ein dritter.
Augenblicklich wurden die sieben langsamer. Ihr Bus war
keine Einladung an Diebe, aber die Geräte darin stellten einen ganz
schönen Wert dar - das einzige von Wert, das die "Short people" besaßen.
Red Bull öffnete die Tür und stieß ein wütendes Schnauben aus.
"Und wer hat nicht zugesperrt?", wollte er wissen.
Niemand rührte sich.
Vorsichtig stiegen sie in den Bus. Im Schein der trüben
Glühbirne und in all dem Durcheinander sahen sie Whitney nicht sofort.
Doch die Wurst- und Käsereste auf dem Kühlschrank sahen sie sofort, ebenso
die leere Dose.
"Mein letztes Whiskey-Cola!", jammerte ein zierlicher Bursch, der Ringo
genannt wurde, weil er der Schlagzeuger war.
Red Bull war der erste, der Whitney sah. Sie lag
zusammengerollt mitten auf dem Matratzenlager, die pechschwarzen Haare
fielen ihr halb über ihr herzförmiges, weißes Gesicht. Sie sah sehr jung
und sehr unschuldig aus.
"Unser erstes Groupie!", hauchte Ringo entgeistert.
"Wir sind hier doch nur auf der Durchreise!", protestierte Bull. Er
begann, Whitneys Taschen zu durchsuchen, fand aber nichts außer ein paar
Papiertaschentüchern und den Photos. "Heiße Braut", kommentierte er Ebonys
Hochzeitsphoto. Dann musterte er Whitney genauer. "In zwei, drei Jahren
wird die auch heiß sein."
"Sie ist es jetzt schon!", widersprach einer, der Dave hieß.
"Wenn du auf Kinder stehst..."
Bull streckte den Arm aus, um Whitney wachzurütteln, unterließ es dann aber. Er brachte es nicht über sich, ihren unschuldigen Schlummer zu stören. "Warten wir bis morgen" murmelte er, und die "Short People" suchten sich provisorische Schlaflager zwischen ihren Instrumenten, unter dem Tisch und in der winzigen Duschkabine.
Am nächsten Morgen wachten Whitney und die "Short
People" fast gleichzeitig auf; Whitney frisch und ausgeruht, die sieben
übernächtigt und verwirrt.
"Hallo!", rief Whitney und unterdrückte den Drang, schon wieder "Oh what a
beautiful morning!" zu schmettern. "Wer seid ihr denn?"
"Uns gehört dieser Bus", gab Red Bull zurück. "Die Frage ist, wer bist du
und was tust du hier?"
"Ich bin Whitney und ich bin von zu Hause ausgerückt." Sie erzählte eine
traurige Geschichte von ihrer Stiefmutter, die sie in ein Heim abschieben
wollte, um sich ungestört mit ihrem Liebhaber amüsieren und ihr, Whitneys,
Geld durchbringen zu können. Da sie jedes Wort glaubte, glaubten ihr auch
die "Short People".
Bull musterte sie im Licht des späten Vormittags und
schloss sich jetzt Ringos Meinung an. Whitney war eine heiße Braut, und
sie war gewiss jung, aber ebenso gewiss nicht mehr unschuldig. Sie gefiel
ihm verdammt gut, was Whitney nicht entging. Sie strahlte ihn an wie ein
Hunderttausendwattscheinwerfer.
"I was born to make you happy", hauchte sie.
"Das glaube ich sofort", gab Bull zurück.
Die anderen sechs wechselten einen Blick.
Der gute alte Red Bull-Charme wirkte immer, darauf
brauchten sie gar keine Wetten mehr abzuschließen.
"He, verzieht euch. Geht frühstücken, ich red einstweilen mit Whitney über
ihre Zukunft hier bei uns", sagte Bull, und gehorsam verzogen sich die
Musiker.
"Und wie heißt du?", erkundigte sich Whitney.
"Ich bin Red Bull."
Whitney kicherte animiert. "Red Bull verleiht Flüüügel", machte sie.
"Darauf kannst du wetten, Baby", meinte Bull und küsste Whitney, dass ihr
hören und sehen verging.
"Oh, Bull", seufzte sie, und eine Weile später noch einmal, "Oh, Bull!"
Danach war es kein Thema mehr, dass Whitney mit der erfolglosen Band "The
Short People" mitfuhr.
Während Whitney und die "Short People" also durch die Lande zogen, von einer Disco zur nächsten, und schlecht bezahlte Auftritte absolvierten - Hard Rock lag nicht gerade im Trend der Zeit - , schickte die Königin einen hochbezahlten Privatdetektiv nach dem anderen auf die Suche nach ihr. Wochenlang flimmerte Whitneys Photo von sämtlichen Fernsehschirmen im Land und lächelte von sämtlichen Titelblättern, doch niemand im Publikum der "Short People" achtete auf das ausgeflippte Mädchen, das um die sieben Musiker herumwuselte.
Die Königin wurde immer ernster, strenger, verbarg ihren Schmerz hinter einer gleichbleibend reglosen Miene. Sie wusste, dass sie schuld an Whitneys erfolgreicher Flucht war. Sie hatte Jäger beauftragt, das Mädchen ins Internat zu fahren, weil sie zu feige gewesen war, es selbst zu tun. Sie hatte sich eingeredet, Jäger würde mit Whitney fertig werden, obwohl sie es hätte besser wissen müssen. Trotzdem konnte sie seinen Anblick nicht mehr ertragen und versetzte ihn in eine Tochterfirma am anderen Ende des Landes.
Jeden Abend fragte die Königin ihr Spiegelbild:
"Spiegel, Spiegel, an der Wand,
ist Whitney irgendwo hier im Land?"
Doch der Spiegel gab ihr keine Antwort.
Irgendwann wurde Whitney es leid, das einzige Groupie einer unbekannten Rockgruppe zu sein, und sie begann, die "Short People" zu managen. Mit ihrer unbekümmerten, selbstbewussten Art und ihrer Schönheit, die mit jedem Jahr größer wurde, schaffte sie es, die Demobänder bei größeren Plattenfirmen unterzubringen und schließlich einen Vertrag an Land zu ziehen.
Mit dem ersten Geld ihres ersten Albums kauften Red
Bull und die anderen einen kleinen Brillantring für Whitney.
"Ihr seid ja so süß!", jubilierte Whitney, als sie den Ring sah. "Diamonds
are a girl´s best friends!"
Ihre Fröhlichkeit und Lebenslust waren so sprühend und funkelnd, dass alle
sieben sich wünschten, mehr für Whitney zu sein als gelegentliche
Sexpartner.
Die Auftritte wurden größer und zahlreicher, und nach dem ersten Hit kam es zu Fernsehauftritten, bei denen Whitney ekstatisch mittanzte. Längst waren die Bilder der verschwundenen Millionenerbin Whitney Snow von aktuelleren Schlagzeilen verdrängt worden und selbst die Privatdetektive suchten sie nur noch, um ihre monatliche Überweisung mit einem monatlichen Bericht rechtfertigen zu können.
Die Möglichkeit, dass sie erkannt wurde, war gering, doch Whitney fürchtete sich sowieso nicht davor: Dass die Königin nach ihr suchen könnte, dieser Gedanke kam ihr gar nicht - und außerdem war sie mittlerweile volljährig und konnte tun und lassen, was und mit wem es ihr beliebte.
Wieder einmal saß die Königin vor ihrem Spiegel und
starrte die Falten an, die sie vor drei Jahren noch nicht gehabt hatte.
"Spiegel, Spiegel, an der Wand,
Sag mir, ist Whitney irgendwo im Land?",
fragte sie zum x-ten Mal. Ihr Spiegelbild schaute sie ernst an. "Hör auf,
an Whitney zu denken", sagte es. "Lass sie los und denk an dich."
"Wie kann ich das, verdammt?", entfuhr es der Königin wütend. "Wenn ich
wenigstens wüsste, ob es ihr gut geht! Wenn ich wüsste, sie ist am Leben
und gesund und glücklich, dann könnte ich sie loslassen! Aber sie könnte
genauso gut tot sein oder drogensüchtig oder auf den Strich gehen!"
"Glaubst du das?", fragte ihr Spiegelbild.
"Was weiß ich, was ich glaube!", gab die Königin in rüdem Ton zurück.
"Du willst Whitney finden?", sagte das Spiegelbild. "Dann hör auf, an
Whitney zu denken."
Seufzend - und nur um dem fruchtlosen Selbstgespräch mit ihrem Spiegel zu
entfliehen - stand die Königin auf, legte sich ins Bett, das sehr einsam
war, seit sie Jäger in die Wüste geschickt hatte, und schaltete den
Fernseher ein.
Es lief irgendeine Showsendung mit ausgedehnten
Musikblöcken. Die Königin schaute hin, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.
Dann richtete sie sich jäh auf und starrte ungläubig auf den Bildschirm.
Sieben junge Männer in Lederkluft rockten auf fast schon altmodische Weise
drauflos, mitten unter ihnen eine junge frau mit sehr weißer Haut, einer
Fülle pechschwarzen Haares und einem leuchtendroten Mund.
"Whitney", flüsterte die Königin entgeistert. Dann, lauter, zornig und
erleichtert zugleich: "Whitney!" Sie schaute zum Spiegel. "Prompte
Lieferung", kommentierte sie. Ihr Spiegel schien sie auszulachen.
Whitney sah so strahlend und glücklich aus. Und sie wirkte noch genauso leer und gedankenlos wie vor drei Jahren. Es war dieser strahlende Egoismus, der die Königin veranlasste, zum Telephon zu greifen und die Privatdetektei anzurufen. "Reden Sie mit ihr", beschwor sie den verdutzten Boss der Detektei. "Fragen Sie sie, ob es ihr gut geht, was sie macht, ob sie etwas braucht. Fahren Sie sofort los und reden Sie mit Whitney!"
In Gedanken an die Höhe der regelmäßigen Zahlungen von Gwyn Snow - von ihr persönlich, nicht vom Firmenkonto - verließ der Mann sofort sein Bett, in das er sich gerade erst begeben hatte, zog sich an und fuhr in die drei Stunden entfernte Stadt, aus der die Fernsehshow gesendet wurde. Er machte das Hotel der "Short People" ausfindig und fragte sich bis zu Whitney durch. Dann beging er einen taktischen Fehler, indem er mit der Tür ins Haus fiel.
"Ich komme von Ihrer Mutter", begann er.
"Help!", kreischte Whitney außer sich. "I need somebody´s help!"
Red Bull und die anderen stürmten aus dem Nebenzimmer. "Was ist?", fragte
Bull aufgebracht.
"Er... er...", stammelte Whitney und deutete theatralisch auf den
verdatterten Detektiv, "er kommt von ihr! Er soll mich ... entführen!"
"Aber nein, Sie missverstehen...", fing der Detektiv an, doch Bull gab ihm keine Chance für irgendwelche Erklärungen; er beförderte ihn mit einem Fußtritt hinaus. Niemand kam Whitney zu nahe, wenn sie es nicht wünschte, dafür sorgte er.
"Wenigstens scheint es ihr gut zu gehen", kommentierte die Königin diesen Bericht; taktvollerweise nur in Gedanken. Der Spiegel murmelte etwas von "gut gehen" und "loslassen", doch die Königin warf ihm nur einen wütenden Blick zu und brachte ihn so zum Schweigen. Sie beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, machte die Tourdaten der "Short People" ausfindig und reiste Whitney nach.
Sie trafen sich, als die Königin gerade im Hotel
eincheckte und Whitney betrunken, an Red Bull und Ringo gelehnt, nach
Hause kam. Whitney kreischte wieder, doch Bull hatte Hemmungen, zu einer
Frau handgreiflich zu werden, und Ringo starrte die Königin überhaupt an
wie eine Erscheinung. So schön, elegant und unkonventionell hatte er sich
Whitneys böse Stiefmutter nicht vorgestellt.
"Wie geht es dir?", fragte die Königin und konnte nicht verhindern, dass
ihr Blick über Whitneys knappes Outfit und die sich ihres Besitzes
sicheren Hände der beiden Männer glitten.
"I am what I am", verkündete Whitney angriffslustig. "Spar dir deine
Entrüstung! Du kannst mein Geld haben und damit glücklich werden!"
"Verdammt, Whitney, es geht doch nicht um dein Geld! Es geht um dich!
Mädchen, sag mir nur, ob es dir gut geht!"
"Ich bin kein Mädchen mehr", gab Whitney giftig zurück. "Das macht dich
krank, wie? Aber ich bin erwachsen und ich mache, was mir passt! Und weiß
du was? Ich mache es gut! Ich manage Bull und die anderen, und ich bin gut
darin! Verstehst du, gut!"
Zorn kam aus jedem ihrer Worte. Sogar Bull und Ringo, high wie sie waren, schauten sie verwundert an. Bull würde niemals etwas tun oder sagen, was Whitney nicht guthieß, doch er wünschte, sie wäre nicht derart negativ eingestellt.
Und Ringo wünschte sich, die gutaussehende Frau würde ihn bemerken.
"Ja, das machst du gut", bestätigte die Königin beherrscht. "Du machst einen tollen Job, um die Short People bekannt zumachen. Und was bekommst du dafür, außer tollem Sex? Er ist doch toll, hoffe ich? Und wenn der Sex vorbei ist, was bleibt dir dann? Du stehst da und hast nichts in der Hand, dir bleibt nichts, weil du all dein Können und deine Energie und dein Talent für andere aufgebraucht hast."
"All I need ist love!", gab Whitney großartig zurück, drehte der Königin den Rücken zu und ließ sie in der Halle stehen.
"Scheiße", murmelte die Königin. Doch sie wäre nicht
die Frau geworden, die sie war, hätte sie leicht aufgegeben. Sie bezog ihr
Zimmer und wartete auf eine bessere Gelegenheit, um mit Whitney zu
sprechen.
Freilich machten die Short People es ihr nicht leicht. Sie ließen Whitney
keinen Augenblick allein, stets waren wenigstens zwei der Musiker bei ihr,
und die Techniker hatten den strikten Auftrag, niemanden - und schon gar
nicht eine Frau um die Fünfzig - in die Nähe der Band oder Whitneys zu
lassen.
Die Königin reiste der Band in fünf Städte nach, dann
bekam sie ihre Chance.
"The Phantom of the opera!", schrie Whitney.
"Nein", sagte die Königin. "Alarmier nicht schon wieder die armen Kerle.
Ich will nur eines wissen, dann lasse ich dich in Ruhe. Sag mir die
Wahrheit, Whitney: bist du glücklich? Ist dies das Leben, das du führen
willst, tief drinnen in deinem Inneren?"
Whitney öffnete den Mund, um "Ja, natürlich" zu
antworten, doch sie brachte es nicht über die Lippen. Sie hatte noch nie
einen Tag weiter gedacht, oder daran, dass sie ihre Talente womöglich
vergeudete, und war daher von ihrer Lähmung völlig überrumpelt und
verärgert.
"Warum willst du das wissen?", fragte sie verwirrt.
"Ich finde keine Ruhe, wenn ich es nicht weiß."
"Wieso?"
Die Königin schaute Whitney genauso intensiv an, wie sie sonst ihr
Spiegelbild anschaute. Dann sagte sie leise: "Weil ich dich liebe."
Whitney schaute sie betreten an, unfähig den ernsten Blick zu erwidern. Dann drehte sie sich um und rannte wie gehetzt in ihr Zimmer.
Die Königin seufzte und beschloss, Whitney loszulassen und ihr eigenes Leben wieder aufzunehmen. Das war das einzige, das sie noch für Whitney tun konnte. Und so fuhr sie nach Hause und dachte an Whitney wie an eine, die ein Raumschiff zum Sirius bestiegen hatte: geliebt aber unerreichbar.
Whitney kam aufgelöst in ihrem Zimmer an. Red Bull nahm
sie in die Arme. "Was ist los, Baby", erkundigte er sich besorgt.
"Ich ... ich ..." Whitney schnappte nach Luft.
"Baby...!"
Whitney hyperventilierte, dann kippte sie um.
Ärzte kamen und gingen, doch niemand vermochte zu sagen, ob es sich um
eine Ohnmacht, ein Koma oder was immer handelte.
Die Zeit verging. Bull wich nicht von Whitneys Bett, und Ringo leistete ihm getreulich Gesellschaft. Die anderen fünf "Short People" setzten die Tournee ohne sie fort, doch ohne Whitneys Energie, Glauben und sprühende Lebendigkeit flachte ihre Karrierekurve wieder ab und die "Short People" wurden wieder zu der zweitklassigen Rockband, die sie eigentlich waren.
Whitney lag in ihrem Krankenhausbett, umgeben von
Instrumenten, und war doch hellwach. Ihre Augen waren geschlossen, doch
sie sah in eine andere Welt, in ihre innere Welt. Sie spürte, dass sie
lag, doch in ihrem Wachtraum lag sie nicht in einem Krankenbett, sondern
in einem gläsernen Sarg, bewacht und beschützt von sieben Zwergen.
"Gehandicapte Mitbürger", verbesserte ihr Unterbewusstes sie politisch
korrekt.
Unwillig schüttelte sie solche Gedanken ab und gab sich dem Genuss hin, ruhig zu liegen und durch das Glas zu schauen. Sie sah den blauen Himmel, sie sah grüne Bäume und weiße Wolken, sie sah die Short People, die sich besorgt über ihren Sarg beugten, sie sah die Welt an sich vorüberziehen, sie sah Ebonys eingefrorenes Bild, sie sah Gesichter, die sich über sie beugten, Hände, die zu ihr durchdringen wollten, es aber nicht schafften.
Sie sah alles mögliche, doch sie sah nicht sich selbst.
So sehr sie sich auch anstrengte, sie fand ihr Spiegelbild nicht, fand nicht ihr eigenes Ich.
Whitney fing an, sich unbehaglich zu fühlen.
Sie hörte die Stimme ihrer Mutter "Weil ich dich liebe" sagen. Es war
verwirrend. Sie erinnerte sich an ihre ersten Jahre mit der Königin, die
schön und unbeschwert gewesen waren, und eine Weile tat sie sich
fürchterlich leid. Sie sah ihr Bild im Glasdach des Sarges als kleines
Kind. Sie sah sich als Teenager, und was sie sah, gefiel ihr nicht. Sie
sah Ebony, und nahm von ihr Abschied.
Der Glassarg wurde ihr allmählich zu eng, zu unbequem, er nahm ihr die Luft zum Atmen, sie spürte, wie sie aus ihm herauswuchs, und wünschte sich aufzuwachen. Sie reckte und streckte sich und stieß überall an gläserne Wände.
Ein neuer Arzt trat an Whitneys Bett und beugte sich
über sie.
"He, wer bist du denn?", fragte Red Bull grob.
Ich bin der Märchenprinz", seufzte der junge Arzt hingerissen. Dann fasste
er sich und erklärte: "Ich bin Dr. Prinz. Ich wurde gebeten, diesen Fall
anzuschauen. Ich bin Spezialist für Koma-Fälle." Er konnte den Blick nicht
von Whitney wenden. "Sie ist so wunderschön!"
"Sie ist mehr als das", fauchte Bull. Alle sahen immer nur Whitneys
Äußeres und schauten nicht tiefer, sahen die wunderbare Frau nicht, die
sie war; auch Whitney selber nicht.
In diesem Augenblick schlug Whitney die Augen auf. Sie
schaute Red Bull an und sah, wie sich ihr Gesicht in seinen Augen
spiegelte. Sie lächelte zaghaft, unsicher, wie sie mit der neuen Situation
umgehen sollte.
"Hallo, du", sagte sie leise.
"I was born to make you happy", sagte Bull.
Whitneys Lächeln wurde strahlend. "Darauf kannst du wetten, Baby!", rief
sie fröhlich. "Komm her!"
Als Bull sich über das Krankenbett beugte, um Whitney zu küssen, rief der
junge Arzt entrüstet: "Also, so geht das wirklich nicht!"
"Zisch ab, Märchenprinz", sagte Bull und begegnete Whitneys Lippen auf
halbem Weg. "You´re my heart, you´re my soul", seufzte er.
Whitney wurde sehr bald aus dem Krankenhaus entlassen und fuhr mit Bull und Ringo in ihr Schloss mitten im Wald, wo die Mutter sie alle drei überglücklich an ihr Herz drückte (und Ringo noch woanders hin, aber das ist eine andere Geschichte).
Und wenn sie sich nicht auseinandergelebt haben, dann sind sie noch heute zusammen.
© Irene Fleiss, Wien