Was in vorpatriarchaler Zeit und bis in die erste Hälfte des Christentums Aufgabe der Weisen Frauen und der Hebammen war, finden wir heute noch im Schamanismus.
Die verschiedenen Hilfstechniken, deren sich die SchamanInnen in aller Welt bedienen, stammen eindeutig aus dem weiblichen Tätigkeitsbereich. (Der Begriff "Schamanin" existierte ursprünglich NUR in weiblicher Form, beispielsweise in der sibirischen, genauer: tungusischen Sprache. Anm. Olga Masur)
Eine kleine schamanische AnekdoteIn Sibirien lebten drei Schamaninnen. Der Bischof hörte von ihnen, auch davon, dass sie kein einziges Kirchengebet kennen würden. Da machte sich der Bischof auf den Weg zu den Schamaninnen und unterrichtete sie in diesem und jenem. Nach vollbrachter Tat machte er sich auf den Heimweg. Am See musste er wieder die Fähre besteigen, um ans andere Ufer zu gelangen. Als sie auf der Mitte des Sees angekommen waren, sah er, dass die drei Schamaninnen über das Wasser gelaufen kamen. Als sie die Fähre eingeholt hatten, riefen sie: Bischof, wir haben einen wichtigen Satz vergessen, von dem, was du uns erzählt hast. Sage uns bitte nochmals... Der Bischof unterbrach sie: Ihr braucht diesen Satz nicht mehr. |
Ein Beispiel für ein schamanisches Instrument ist die Trommel, die bei sehr vielen Naturvölkern zu den sakralen Gegenständen gehört. Die EthnologInnen sind sich einig, dass die ältesten Trommeln von Frauen aus Tontöpfen hergestellt wurden, die sie mit Tierfellen überspannten.
Ja, die Trommel symbolisiert nämlich den Mutterleib, wofür ein noch bestehender Brauch bei den Ponape auf den Karolinischen Inseln ein anschauliches Beispiel liefert:
Dort treten Mädchen als Trommlerinnen auf, indem sie sich ein Brett am Bauch befestigen und mit Holzschlegeln dagegen trommeln. (Quelle Bild der Völker, Bd.5)
Aber auch die Einnahme von stimulierenden Drogen, unter deren psychedelischer Wirkung die SchamanInnen ihre Geistheilungen und Geisterbeschwörungen vornehmen, weisen in dieselbe Richtung. Fraglos hatten die Frauen als Pflanzensammlerinnen von jeher einen Vorsprung in der Kenntnis von genießbaren und giftigen Pflanzen und Kanten auch die heilende Kraft und die stimulierende oder narkotisierende Wirkung einzelner Drogen.
In unseren Märchen besitzen Feen und Hexen die Geheimnisse des Lebenskrautes und des Liebesapfels, der Rausch- und Verwandlungstränke, und auch der tödlichen Gifte. Und noch in der Neuzeit wurden kräuterkundige Frauen der Hexerei, besonders der Giftmischerei, bezichtigt.
Von daher liegt es auf der Hand, dass die Medizin"männer" in früheren Zeiten überwiegend weiblichen Geschlechts waren.
Dies umso mehr, als die Frauen über die uralte Kenntnis der Geburtshilfe verfügten und damit über die Anfänge der Chirurgie.
Deshalb sind alle Urahninnen der Frühzeit Helferinnen der Geburt und oft die Begründerinnen der Medizin, wie dies für die kretische Göttin und die ägyptische Isis überliefert ist. Noch Asklepios als Urahne der griechischen Ärzte bezieht sich auf die Göttin Hygieia. [Quelle]
Geburtshilfe heißt auf englisch midwifery, was vom angelsächsischen med-wyf, "Weise Frau" oder "Magierin" abgeleitet ist. Die Weisen Frauen hatten selbst in christlicher Zeit in der Geburtshilfe eine Monopolstellung inne, weil sich die meisten Vatermänner vor den unter Tabu stehenden Geheimnissen fürchteten.
Dadurch blieb die gesamte Heilkunst auch noch während der ersten Hälfte der christlichen Epoche in der Hand von "Weisen Frauen", denn die alten Heil(igen)orte waren den Verehrerinnen der uralten Magierinnen geweiht.
Im matriarchal geprägten Rom gab es verschiedene Arten von Hebammen, die nach einer erfolgreichen Geburt besondere Gaben erhielten.
Das war die obstetrix, die die Entbindung
durchführte; die nutrix oder "Nährerin", die den Milchfluss
der Mutter förderte und ihr Stilltechniken beibrachte; und die
ceraria, eine Priesterin der Ceres, die mit Geburtsritualen
beauftragt war.
(Quelle: Dumézil, Georges: Archaic Roman Religion,
Chicago 1970)
Sie alle standen mit dem Tempel der Frauen in Verbindung - wie die griechischen Horae, die auf der Erde Tempelfrauen waren und als Hebammen zu den "Göttern" in den Himmel emporstiegen.
Das mittelalterliche Christentum verabscheute die Hebammen wegen ihrer Verbindung mit dem alten Matriarchat und ihrer Verehrung der Urahninnen. Die patriarchalen Geistlichen sahen in ihnen unversöhnliche Feindinnen des katholischen Glaubens. In den Handbüchern der Inquisition wurde festgestellt, dass niemand dem katholischen Glauben mehr schade als die Hebammen; angeblich weihten die Hebammen neugeborene Kinder mit einer magischen Taufe am Küchenfeuer dem Teufel.
Der wirkliche Grund für die Feindseligkeit der Kirchenväter war aber die Tatsache, dass die Hebammen den Frauen helfen konnten, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen, die Geheimnisse der Sexualität und Geburtenkontrolle zu erfahren oder Abtreibungen vorzunehmen.
Unsere Ahninnen besaßen ein großes Wissen über solche Dinge, die als die ureigensten Angelegenheiten der Frauen betrachtet wurden und nicht der männlichen Autorität unterworfen waren.
Die Väter der patriarchalen Religion dagegen verboten den Hebammen, ihren Patientinnen bei der Verhütung oder Befreiung von unerwünschten Schwangerschaften Beistand zu leisten oder die Geburtswehen der Frauen zu lindern.
Hat sich da in unseren "modernen" Zeiten viel geändert? (Siehe auch Scherzkommunikation im geburtshilflichen Bereich)
1591 wurde eine schottische Adlige, Eufame
Macalyne, bei lebendigem Leibe verbrannt, weil sie eine
"Hexen-Hebamme" um Mittel zur Bekämpfung ihrer Wehenschmerzen gebeten
hatte!
(Quelle: Andrew Dickson White: Geschichte der Fehde zwischen
Wissenschaft und Theologie in der Christenheit. Leipzig, 1911)
1559 wurden die Kirchenvorsteher durch parlamentarische Inquisitions-Vorschriften angewiesen, jeden Gebrauch von "Zaubersprüchen, Magie, Bezauberungen, Anrufungen, Kreisen, Hexerei, Wahrsagerei" oder allen ähnlichen Handlungsweisen, "besonders wenn Frauen in den Wehen liegen", zu melden.
Ein paar Zauberformeln wurden jedoch zugelassen, nämlich wenn sie "christianisiert" waren: D.h. wenn in den Sprüchen die heidnischen Namen durch christliche ersetzt wurden...
Frauen im Kindbett wurden offiziell aufgefordert, einen langen Zauberspruch in lateinischer Sprache um ihre Schenkel zu binden, der mit In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti Amen begann, worauf Anrufungen von Heiligen und geheimen Namen des Vater-Gottes folgten.
Der Zauberspruch war des Teufels, wenn die Namen nicht christlich waren.
Hebammen durften nach den Festlegungen einer Verordnung vom Bischof nicht "Hexerei, Zaubersprüche, Anrufungen oder Gebete, außer solchen, die erlaubt sind und sich mit den Gesetzen und Verordnungen der katholischen Kirche vertragen, benutzen oder ausüben".
Der offizielle Standpunkt der Christenmänner war, dass eine Linderung der Leiden der Frauen in Zusammenhang mit der Fortpflanzung bedeute, sich Gottes Willen in Bezug auf den Fluch über Eva zu widersetzen!
Denn ihr Gott hatte ja bestimmt, dass Eva und alle ihre Nachkommen unter Schmerzen gebären sollten.
Die Ärzte lehnten es infolgedessen bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts ab, eine Behandlung der häufigsten Todesursache von Frauen, das Kindbettfieber, überhaupt nur in Erwägung zu ziehen, geschweige denn etwas zu unternehmen.
Ärztlicher Eid hin oder her - ein patriarchaler Mann hackt dem anderen kein Auge aus...
Denn der Klerus hielt solche Todesfälle entweder für die gerechte Strafe für ein unmoralisches Leben oder für den Ausdruck der fortdauernden Verurteilung "des Geschlechts".
Ärzteschaft und Kirche betreiben auch heute noch typisch patriarchale Abgrenzung der Geschlechter, wenn es gegen Frauen geht.
Im Jahre 1847 stellte der britische Arzt Sir James Simpson fest, dass Chloroform zur Anästhesie verwendet werden kann. Er schlug vor, die Wehenschmerzen der Frauen mit diesen neu entwickelten Anästhetika Chloroform und Äther zu lindern.
Damit rief er eine gewaltige Empörung unter den geistlichen "Herren" hervor, die das als eine sündhafte Verleugnung der Wünsche ihres Gottes bezeichneten!
Sie argumentierten:
Die Linderung der Wehenschmerzen hebt den ursprünglichen Fluch gegen
die Frauen auf.
Ein Geistlicher schrieb: "Chloroform ist eine Verlockung des Teufels, der scheinbar anbietet, Frauen glücklich zu machen; aber am Ende wird er die Gesellschaft verhärten und Gott der tiefernsten Hilfeschreie berauben, die sich in Zeiten der Not erheben."
FAZIT:
Mit dem üblichen, nur notdürftig verhohlenen Sadismus der
patriarchalen Moral, sagte er damit klipp und klar, dass die
weiblichen Schmerzensschreie diesem Gott Freude machten und dass die
Vatermänner darauf achten sollten, dass er auf sie nicht verzichten
müsste.
FRAGE:
Wie krank müssen Patriarchen-Hirne sein, dass ihnen eine solche
Gottesfigur entspringt?
In England nämlich war die Sache entschieden, als Queen Victoria ihrem Arzt erlaubte, ihr bei der Geburt ihres achten Kindes Chloroform zu verabreichen und diese neue Möglichkeit der Schmerzlinderung öffentlich als einen großen Segen begrüßte.
Die Geistlichen waren dadurch auf der Stelle zum Schweigen gebracht, denn der Königin gestanden sie das Recht zu, ihren Gott zu überstimmen.
Doch das Patriarchat siegte:
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts drangen männliche
Ärzte in den letzten verbliebenen Bereich ausschließlich weiblicher
Medizin ein und entfernten die Geburtshilfe aus dem
Zuständigkeitsbereich der Frauen.
Der US-Kongress schloss auf Veranlassung der American Medical
Association die Hebammen von der Geburtshilfe aus. An ihre Stelle
traten die neuen männlichen "Geburtshelfer". Ältere Hebammen fanden
sich aus ihrer Arbeit vertrieben oder sogar wegen illegaler Praxis im
Gefängnis wieder.
Und das in einer Gesellschaft, deren Mitglieder sie selbst zur Welt gebracht hatten!
Die Ausübung des Berufs durch Männer, die ja eigentlich einen Blindflug machen, wirkte sich nicht besonders segensreich aus.
Lewis Mumford (1895-1990), amerikanischer Sozialphilosoph, Geschichtswissenschaftler und Städteplaner schreibt dazu in seinem Buch "Interpretations and Forecasts" Folgendes:
| Unsere mechanisierte Zivilisation gefährdet im Interesse einer zügigen Entbindung und der bequemen, zeitlich begrenzten Teilnahme des Arztes mit einer ungeduldigen Einmischung in den natürlichen Prozess oft Mutter und Kind und verschlimmerte diesen Fehler nur zu häufig durch eine vollständige Betäubung der Mutter. Das Kind wurde, als Ergebnis des wissenschaftlichen Stolzes über die Entdeckung einer Methode, es unabhängig von den natürlichen Quellen der Milch zu füttern, allzu bald von seiner Mutter getrennt und nicht nur der Mutter beraubt, sondern auch der Erfahrung einer warmen, liebevollen, essgemeinschaftlichen Beziehung zu ihr, von der Art, wie wir sie auch mit Mutter Erde haben müssen. |
Der materialistische Berufsstand der SchulmedizinerInnen übernahm es, die Frauen zu entbinden, wobei patriarchale Männer Frauen erklären, wie das zu erfolgen hat.
Das führte oft zu so schrecklichen Fehlern wie der Theorie einer minimalen Pflege!, die um die Jahrhundertwende aktuell war. Sie ging davon aus, dass schreiende Kinder nicht durch Verhätscheln "verwöhnt", sondern nur in vorher bestimmten Abständen hoch genommen werden sollten.
Meine Schwiegermutter war Hebamme und Inhaberin eines Entbindungsheimes; sie handelte - wie viele Frauen auch immer noch - genau nach diesen Prinzipien. Da siehst du, welche Art von Hebamme das Patriarchat hervorbringt!
Den Gipfel der Vermessenheit erreichte
möglicherweise L.K.Frank, der schrieb:
"Der Psychiater ist einzigartig kompetent, uns zu sagen, wie das
christliche Gebot, kleine Kinder zu lieben, zu praktizieren ist."
Mit alldem ignorieren die heutigen MedizinerInnen, so wie die modernen "Erzieher" diese historische Wahrheit: Unzählige Tausende von Jahren - lange bevor etwas von der Christenheit oder der Psychiatrie zu hören war - beruhte die ganze Existenz der menschlichen Rasse auf der einzigartigen mütterlichen Fähigkeit, kleine Kinder zu lieben und auf dem Können von Weisen Frauen, die ur-mütterlichen Instinkte zu unterstützen.
Zum Weiterlesen: Lustgefühle beim Stillen - weise Einrichtung für Mutter und Kind