Unsere wahre Geschichte ist schön!
Was für Menschen waren unsere prähistorischen
VorfahrInnen, die in beziehung zu den Urahninnen und -ahnen
standen?
Wie sah das Leben in jenen Jahrtausenden unserer
kulturellen Evolution vor dem Beginn der Geschichtsschreibung aus?
Und was können wir aus jenen Zeiten lernen, das für
unser eigenes Zeitalter von Bedeutung wäre?
Da sie uns keine geschichtlichen Berichte oder Nachschlagewerke
hinterlassen haben, konnten die Wissenschaftler nur aus Indizien
schließen. Beinahe alles, was wir z.B. in der Schule über frühere
Epochen gelernt haben, basiert auf Interpretationen und zwar durch die
vatermännliche, also patriarchale, Brille betrachtet. Selbst die
detaillierten Abhandlungen über die Vor- und Frühgeschichte der
Griechen in klassischer Zeit, der Römer, Juden und frühen Christen
beruhen ebenfalls hauptsächlich auf Auslegungen, die außerdem noch
ohne die Hilfe moderner archäologischer Methoden entstanden.
Aus bruchstückhaftem Material vermittelten uns die
erzväterlichen Wissenschaftler ein Bild, das dem
traditionellen Modell unserer Kultur angepasst war: eine geradlinige
Entwicklung vom "primitiven" zum so genannten "zivilisierten
Menschen". Beide haben – allen Unterschieden zum Trotz – eine
wesentliche Eigenschaft gemeinsam: Sie erobern, töten und herrschen.
In den letzten zwanzig Jahren hat sich etwas
Gravierendes geändert:
1. Durch enorm verbesserte archäologische Technologien und Teams
(keine Einzelgänger-Unternehmen wie früher) erhielten wir bei
Ausgrabungen einstiger Siedlungsareale zahllose neue
Informationen über die Vorgeschichte, insbesondere über das
Neolithikum (Jungsteinzeit). Das ist jene Epoche, in der unsere
VorfahrInnen erstmals sesshaft wurden und von Ackerbau und Viehzucht
zu leben begannen.
2. Die Kompetenz und Sichtweise einer mittlerweile ausreichenden
Zahl an weiblichen Wissenschaftlerinnen und Archäologinnen lehrt uns
ein neues Verständnis der Zeitgeschichte.
Eine wichtige Quelle dieser neuen Informationen sind Ausgrabungen
von Gebäuden nebst Inhalt – also Kleidungsstücke, Schmuck,
Nahrungsmittel, Möbel, Gefäße, Werkzeuge und andere Gegenstände des
täglichen Lebens. (Die traditionell weibliche Domäne - wie wollen
patriarchale Vatermänner sich da eindenken und sinnvoll
interpretieren?)
Eine weitere Quelle sind freigelegte Grabstätten, die uns nicht nur
eine Menge über die Einstellung der Menschen zum Tod verraten, sondern
auch viel über ihr Leben.
Die reichste Informationsquelle ist jedoch die Kunst und eine
überaus wichtige dazu. Warum ist die Kunst so wichtig?
Auch wenn eine schriftliche und/oder verbale Überlieferung
vorhanden ist, ist die Kunst eine Form der symbolischen Kommunikation.
Die umfangreiche Kunst des Neolithikums – Wandmalereien mit
Alltagsszenen oder mythologischen Darstellungen, Statuetten mit
religiösen Themen oder Friese, auf denen Kulthandlungen zu sehen sind,
Gefäßdekorationen, Siegelbilder oder Gravuren auf Schmuckstücken –
verrät uns eine Fülle von Details über das Leben und Sterben der
Menschen jener Zeit und vermittelt einen Einblick in ihre
Glaubenswelt.
Zu den erstaunlichsten Zügen der neolithischen Kunst
gehören die Dinge, die sie nicht darstellt!
-
Ein scharfer Kontrast zur Kunst späterer
Zeitabschnitte liegt darin, dass in dieser Zeit idealisierende
Darstellungen bewaffneter Macht, von Grausamkeiten und
Gewaltherrschaft fehlen.
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Keine Darstellungen von "edlen Kriegern" oder
Schlachtenszenen, keinerlei "heldenhafte Eroberer", die ihre
Gefangenen in Ketten legen, noch irgendwelche anderen Beweise für
Sklaverei.
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Weder die Urahninnen, in ihren vielfältigen
Darstellungen, noch ihre männlichen Nachkommen tragen jene Symbole,
die wir gemeinhin mit Macht assoziieren: keine Speere, Schwerter
oder Donnerkeile, wie wir sie von irdischen Herrschern und
auch als Symbole des Vater-Gottes kennen, der Gehorsam erzwingt,
indem er tötet und verstümmelt.
Noch mehr:
Der Kunst jener Zeit fehlt in verblüffender Weise jede bildliche
oder figürliche Darstellung von Herrschern und Beherrschten, von
Herren und Untertanen, wie sie für dominatorisch orientierte
Gesellschaften so charakteristisch sind.
Was wir hingegen überall finden – in Tempeln und Häusern, auf
Wandmalereien und Gefäßverzierungen, an runden, tönernen Statuetten
sowie Basreliefs – ist eine stattliche Reihe von Natursymbolen. In
enger Verknüpfung mit der Achtung des zyklischen Lebensprinzips
bezeugen sie Ehrfurcht und Staunen vor der Schönheit und dem Mysterium
des Lebens.
In den Tempeln von Çatal Hüyük (Anatolien) finden wir Darstellungen
des Urprinzips in Form von schwangeren als auch gebärenden
Symbolfigurinen. Häufig werden sie von Tieren wie Leoparden und vor
allem Kühen oder Stieren begleitet.
Der Symbolismus ist lunar und chthonisch (wiss. "der Erde
entspringend") und basiert auf dem Verständnis, dass das Leben auf der
Erde ewige Wandlung bedeutet. Ein konstanter und rhythmischer Wechsel
zwischen Schöpfung und Zerstörung, Geburt und Tod.
Die drei Mondphasen – neu, zunehmend und voll – wiederholen sich in
der Dreifaltigkeit oder drei-funktionalen Gottheiten, die an diese
Mondphasen erinnern:
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Jungfrau, Mutter, Weise Frau;
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lebensspendend, todbringend, transformativ;
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wachsend, sterbend, selbsterneuernd.
Das Leben beinhaltet den Tod und dieses Konzept von
Wiedergeburt und Erneuerung ist vielleicht das beeindruckendste und
dramatischste Thema, das wir in diesem Symbolismus der Urahninnen
wahrnehmen. Die offensichtliche Analogie erkennen wir wieder in den
vielfältigen Phänomenen, den ewigen Kreisläufen der Natur selbst.

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