Die Töchter der Großen Göttin

Reise in eine versunkene Welt

 

 

 

Unsere Wurzeln

Unsere VorfahrInnen kannten sie gut, die allgegenwärtige weibliche Kraft. Auf dieser Kraft beruhte die Ordnung - der Rhythmus von Leben und Vergehen, von Ebbe und Flut, vom Aufgang und vom Untergang der Sonne.

Die Kraft des Weiblichen umgab die vorpatriarchalen Menschen von allen Seiten. Sie war der Raum, in dem sie lebten, die Erde, die sie trug, die Höhle, die sie schützte, das Haus das sie barg und der Himmel, der sich über ihnen wölbte.

Der Lebensraum archaischer Menschen war überschaubar. Das Meer, die Wüste oder ein unüberwindliches Gebirge bildeten seine natürlichen Grenzen. Dort draußen wohnten die Mächte des Todes. Doch gerade von dort – vom Meer und aus dem Gebirge – kehrte in jedem Jahr zuverlässig das Leben zurück. Es kündigte sich in regenbringenden Wolken an, im Herbst, wenn die Sonne das Land ausgebrannt hatte.

Innerhalb der natürlichen Grenzen ihrer Umwelt lebten die Alten sicher unter den bergenden, schützenden Kräften des Weiblichen.

Die allumfassende Kraft hatte anfangs keinen Namen. Welchen Namen hätten unsere AhnInnen ihr auch geben sollen?

Namen legen fest. Beschreiben Einzelheiten, meinen immer nur einen Teil des Ganzen. Die weibliche Kraft aber ist ALLES. Die Seele des Alls. Sie ist nicht nur "Große Mutter", die ihre Geschöpfe als solche hervorbringt, sondern auch die Weisheit und ordnende Kraft, die in der Mutter als schöpferische Gestaltungskraft enthalten ist. Sie ist nicht nur die Nährende, sondern ist selbst Nahrung. Sie ist die Luft, die wir atmen, die Quelle, aus der wir schöpfen, das Brot, das wir essen.

Die frühen Menschen haben sich Bilder geschaffen, um die kosmische Lebenskraft im Symbol zu verehren. Menschliche Wesen bedürfen des Gegenständlichen, um sich das Abstrakte vorstellen zu können. Und weil die frühen Menschen die Analogien zwischen den Naturerscheinungen und der Frau erkannten, wurde die Frau zum Symbol kosmischer, weiblicher Schöpfungskraft.

Die Große Mutter oder Große Göttin war der Inbegriff aller Lebensordnung, die schöpferische Urkraft, die matriarchale Weisheit.

Matriarchale Menschen waren in die Natur eingebunden – nicht, weil sie unbewusst lebten, dumpf dahinbrütend den unüberschaubaren Gewalten preisgegeben, sondern weil sie sich bewusst der matriarchalen Schöpfungskraft überließen und in Harmonie mit ihr standen. In ihren kultischen Handlungen vollzogen sie den Rhythmus der Jahreszeiten, Sonnenauf- und untergang, Tod und Wiedergeburt nach.

MAGIEMAtriarchale EnerGIE – bedeutet das Erspüren der Kraftfelder der Erde, sensibel sein für die Heilkraft der Pflanzen, für die zwischenmenschliche Dynamik, für die Besonderheiten des eigenen Körpers; Magie bedeutet schlicht das Erfassen der Weltordnung.

Matriarchale Menschen erforschten das Wesen der Dinge nicht, um die Natur zu beherrschen, sondern um sich ihr möglichst gut anpassen zu können.

Die kultischen Handlungen sind so wichtig wie Essen und Trinken, Saat und Ernte. Eine, die Ackerbau betreibt ist dem Ritus ebenso verpflichtet wie ihrer Arbeit. In welcher Weise sich das kosmische Geschehen im Ritual widerspiegelt, ist vielfältig überliefert. Viele Texte zu den heiligen Handlungen sind erhalten: Kultlieder und Dankesgesänge auf Tontafeln eingeritzt, in Felswände gemeißelt, auf Papyri geschrieben.

Die matriarchale Kultur war eine Welt der Teilhabe.
Teilhabe der Menschen an den kosmischen Kräften, an ihren Mitmenschen, an den Tieren – eine Welt des Gebens und Nehmens. Eine Welt des ewigen Kreislaufs. Im Einklang mit der Natur betrachteten unsere AhnInnen den Tod als Durchgang zur Wiedergeburt. Ebenso konnten sie im persönlichen Unglück die Dunkelseiten des Lebens erfahren und hatten gleichzeitig die Hoffnung und Zuversicht auf einen neuen Anfang, so wie jeder Tag oder jedes Jahr oder jedes Leben einen neuen Anfang mit sich bringt.

Angeschlossen an die Kraft, die aus dieser Erkenntnis kommt, waren matriarchale Frauen und Männer in der Lage, die Widersprüche des Lebens tapfer zu bestehen und unter dem Spannungsbogen der Gegensätze ihre kreativen Fähigkeiten zu entfalten.

Patriarchale Menschen halten die Widersprüche des Lebens nicht durch. Sie werden durch Spannungen in Gewaltbereitschaft versetzt. Sie spalten die Dunkelseiten des Lebens ab, grenzen sie aus, verdrängen sie ins Unbewusste, wo sie als Angst vor dem Unbegreiflichen eine zerstörerische Dynamik entfalten.

Die Frage nach den "Anfängen" lässt sich nur im Blick auf die frühe Menschheit stellen und auch nur, insoweit sie durch archäologische Funde und früheste Schriftzeugnisse belegt ist. Daraus ersehen wir, dass die "ersten Menschen" die Transzendenz ihres Daseins als kosmische weibliche Kraft und Weisheit erfahren haben.

Jede Frage, die dahinter greift und wissen will, wie das Weltall und seine Erscheinungen "wirklich" entstanden sind, muss offen bleiben.

Geist an sich, Weltenplan und Schöpfungskonzept als Großtat eines Vatergottes sind durch philosophisch-theologische Fantasien entstanden, und gehen von dem abspaltenden patriarchalen Bewusstsein aus. Das heißt: ein Abstraktum, nämlich der "göttliche Funke" wird als das höhere Prinzip einfach willkürlich der Materie übergeordnet. Es ist reine Theorie und entfernt uns vom ganzheitlichen Bewusstsein, das auf der integrierenden Erfahrung der matriarchalen Menschheit beruht. Wir haben heute das Gefühl für die Zusammenhänge der Integration verloren.

Woher wir kommen?

Ist diese Frage noch wichtig angesichts der brennenden Frage um die Zukunft? Sollten wir nicht besser die Frage stellen wohin wir gehen? Doch keine kann gehen ohne Boden unter den Füßen. Ebenso wie Pflanzen ziehen Menschen die Kräfte für ihre Entwicklung aus den Wurzeln.

Und Frauen, die nach ihren Wurzeln fragen, müssen das kulturelle Erbe der abendländischen Kultur gründlicher analysieren. In allen abendländischen Gesellschaften ist die Frau marginalisiert und unsichtbar gemacht worden. Und je mehr die Frau an den Rand gedrängt, je stärker weibliche Lebenszusammenhänge dem Blick entzogen wurden, desto mehr geriet "das Weibliche" zum Wesen des kollektiven Unbewussten.

Das Unbewusste ist stets der Ort, wohin die Menschen ihre Schattenseiten, die dunklen Aspekte des Daseins verdrängen. Die Kirchenmänner bezeichnen es als "das Böse" (Vielleicht, weil sie böse darauf sind, dass sie nicht damit umgehen können?). Und so ist es nicht verwunderlich, dass das Böse und das Weibliche im Verlauf der patriarchalen (Unter-)Bewusstseinsentwicklung synonym wurden.

Die Frau ist die Trägerin des Bösen geworden.

Alle Daseinsängste, die sich das Bewusstsein nur ungern eingesteht, die Angst vor Sexualität und die Angst vor dem Tod, wurden auf das Weibliche projiziert. Mit der Durchsetzung des Christentums ging eine sich verschärfende Dämonisierung der Frau einher, die ihren Höhepunkt fand, als Millionen von Scheiterhaufen brannten.

Die Dämonisierung des Weiblichen macht die Rückbesinnung auf die Göttin notwendig: Wenn Frauen zu sich selbst kommen, wenn sie zu den Wurzeln ihrer Kraft zurückfinden wollen, müssen sie die Zerrbilder patriarchaler Weiblichkeit wieder auf die Urbilder matriarchaler Weiblichkeit zurückführen. Diese Arbeit müssen Frauen leisten.

Es ist ein Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau kritische Fragen stellt: Männer – auch die gutwilligsten – sind, bewusst oder unbewusst, eher an der Stabilisierung eines "schon immer" patriarchal aufgefassten Gesellschaftsbildes interessiert. Die Mehrheit ist nicht bereit, das patriarchale Bewusstsein zu überschreiten. Daher projizieren sie die patriarchale Denkweise in die Vergangenheit und suggerieren uns, dass die Welt seit Anbeginn den Mächtigen gehört hat, vor denen die Ohnmächtigen im Staub gelegen hätten.

Nur Frauen, die sich dem Gesetz der patriarchalen Denknorm verweigern, die der patriarchalen Wissenschaftsdoktrin kritisch begegnen, können das Zu-Ende-Denken leisten, das uns wieder in den lebendigen Zusammenhang mit dem matriarchalen Bewusstsein bringt.

Und jetzt die gute Nachricht:

Im matriarchalen Bewusstsein bewegt sich die Welt in Zyklen. Alles Vergangene kehrt wieder! Und unsere Reise zu den Ursprüngen ist zugleich der Weg in unsere Zukunft.

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