Vagina dentata
Vagina steht für die Frau in allen ihren Aspekten.
Es ist ein sehr reduziertes Symbol und deshalb nicht so einfach zu
erkennen, wenn die Merkmale dieser Aspekte nicht zum Allgemeinwissen
gehören.
Vagina steht für Frau, so wie in
patriarchal-abwertender Sprache der Ausdruck "Fotze" für ein Mädchen
oder eine Frau von Männern gebraucht wird. So negativ dieser
Ausdruck klingt, führt er uns aber auch auf den Weg, die Symbolik
der
Vagina dentata zu erfassen.
Die Reduktion der Frau auf ihr Geschlechtsteil
macht Sinn, um einem Symbol Kraft zu geben, ist es doch ganz
eindeutig der Teil, der sie vom Mann unterscheidet. Und wird so ein
Begriff nicht abwertend, sondern respektvoll verwendet, klingt
er keineswegs vulgär, und betont eher die Besonderheit der Frau und
wertet sie auf.
Dentata bedeutet "mit Zähnen"; Vagina
dentata bedeutet folglich "eine Frau, die zubeißen kann, eine mit
Biss".
Vagina hat hier keinerlei sexuelle oder biologische
Bedeutung, es ist nicht das Organ selbst gemeint. Es
symbolisiert die Fähigkeit der Frauen, eine authentische Haltung
einzunehmen und damit das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern
in der Gemeinschaft auszubalancieren.
Wir wissen alle, dass es in einer weiblichen
Scheide niemals Zähne gibt oder gegeben hat, aber die
Vagina dentata wird seit Beginn des Patriarchats so
dargestellt.
Und die patriarchalen Männer haben Angst vor ihr.
Die patriarchalen Wissenschaftler, (Psychologie,
Altertumsforschung u.a.) legen diese Angst als Kastrationsangst aus.
Das hat zwei Gründe:
-
Der wirkliche Ursprung des Symbols ist verschüttet
gegangen oder will nicht mehr gewusst werden, weil damit
-
zweitens die Frauen verunglimpft werden können, wenn
es gerade gebraucht wird: Die bösen Weiber, die Männern den Penis
abbeißen.
Die Angst vor der Rache der Frauen ist im
Patriarchat durchaus berechtigt. Aber deshalb einen Körper zu
verstümmeln ist die patriarchale Projektion von Männern auf Frauen
und spiegelt nicht nur das, was sie selbst tun würden, sondern ist
für männlich-patriarchales Denken typisch.
Was hat es also mit dieser Angst auf sich?
Schauen wir uns an, was für eine Frau diese Vagina dentata ist;
die Sprache gibt uns Aufschluss.
Mit den Zähnen beißen und zerbeißen wir. Beißen ist
eine sehr aggressive Handlung, ist Ausdruck des Zupacken-Könnens,
des Anpacken-Könnens und des Angreifen-Könnens. So wie der Hund
seine Zähne fletscht und dadurch seine aggressive Gefährlichkeit
dokumentiert, reden wir auch davon, dass die Vagina dentata
"ihre Zähne zeigt". Es heißt: bis hierhin und nicht weiter – nimm
dich in acht!
Die Entschlossenheit, uns zur Wehr zu setzen, wird
deutlich und wir zeigen Durchsetzungsvermögen (sich durch-beißen).
Patriarchale Frauen dürfen nicht aggressiv sein,
sie lernen nicht, sich selbst durchzubeißen, geschweige denn "ihre
Zähne zu zeigen".
Aggression ist in allen westlichen Ländern zu einem
zentralen Problem geworden: sie wird nur den (jungen) Männern zugestanden und
viele sind nicht in der Lage sie zum Wohl der Gemeinschaft einsetzen,
jedoch in zerstörerischer Weise.
Von Frauen wird "soziale Anpassung" gefordert, was
im Klartext heißt: "Verdränge deine Aggressionen".
Aber die Vagina dentata
ging nicht verloren, das zeigen die Frauenbewegungen. Sie haben Frauen
hervorgebracht, die sich über das Tabu hinweggesetzt und dem
gesellschaftlichen System "die Zähne gezeigt" haben.
Sie haben sich mit ihren Kindern allein "durchgebissen" und sich vom
Mann wegbewegt, der ihnen nur Nachteile brachte.
Und das ist, was Frauen tun, wenn der Gemeinschaft ein Ungleichgewicht
droht. Sie balancieren aus, indem sie dem Unheil die Zähne zeigen,
es weg beißen wenn nötig und das Gewicht auf die andere Seite,
nämlich zu sich selbst, verlagern.
Die Amazonen sind ein realistisches Beispiel dafür.
Frauen beißen keinen Penis ab, auch nicht im bildlichen Sinn, denn
dann würden sie seine Energie in sich aufnehmen und das macht nur in
einer konstruktiven Beziehung Sinn.
Stattdessen weisen sie den "Penis" ab, ziehen sich
von ihm zurück, der genauso für Mann steht wie Vagina für
Frau.
Und davor haben die patriarchalen Männer Angst: die
Angst ausgeschlossen zu werden.
Diese Angst ist viel bedrohlicher als Kastrationsangst.
Die Operationen an Transsexuellen zeigen uns, dass
ein Mann ohne Penis leben kann, aber Menschen brauchen die Gruppe,
die Gemeinschaft (nicht unbedingt sexuelle PartnerInnen), um sich
geborgen und sicher zu fühlen.
Von Anbeginn der Menschheit bilden Frauen zusammen
mit den Kindern Gemeinschaften, und akzeptieren Männer in der
Gruppe, solange diese keinen Schaden anrichten; was heißt, zu ihren
eigenen Gunsten zu taktieren auf Kosten der anderen. Wenn sie das
tun, bekommen sie die Zähne gezeigt – die Vagina dentata. Und
das nicht, weil die Frauen sich ärgern oder genervt sind, sondern
weil das Leben aller auf dem Spiel steht.
Matriarchale Stammesgesellschaften setzen sich ein, um die Ansammlung von Macht zu verhindern oder andere
Verhaltensweisen, die ihr Verständnis von Egalität untergraben
könnten. Diese Gesellschaften sind sich bewusst darüber, wie
leicht die Balance der sozialen Ordnung aus den Fugen geraten und
zerbrechen kann.
Patriarchale Strukturen entstehen nur durch lang
anhaltende, extreme Notsituationen, durch Auslöser von außen
(Naturkatastrophen, Dürren etc.). Von innen heraus kann eine
egalitäre Gemeinschaft nicht wirklich oder auf Dauer gestört werden,
weil ein ständiger Aufwand betrieben wird, um die Balance zu halten.
Vor allem von den Frauen, mit Hilfe der Vagina dentata.
Seltsamerweise sind Menschen, die in Kulturen ohne
formale politische Institutionen leben, sehr viel politischer als
andere. Das liegt daran, dass jedes einzelne Mitglied selbst
sicherstellen muss, dass das System funktioniert. Ja mehr noch: zu
garantieren, dass das System überhaupt weiter und überlebt.
(Übrigens ist ein typisches Merkmal bei Naturvölkern deren gesunde und
kräftige Zähne. Das ist nicht auf die natürliche Ernährungsweise
zurückzuführen, sondern auf den gänzlich anderen Umgang mit den
Aggressionen.)
Die Vagina dentata symbolisiert aber neben dem
"kräftigen Biss" noch eine weitere Eigenschaft.
Die Zähne stehen ebenso für unsere Vitalität,
unsere Lebenskraft. (Aggression und Lebenskraft sind nur zwei
verschiedene Aspekte derselben Kraft.)
Dem Gaul schaut man ins Maul, um Alter und
Vitalität einschätzen zu können, beim geschenkten Gaul tut man das
besser nicht...
Menschen mit schlechten Zähnen fehlt Vitalität und damit auch die
Fähigkeit, zuzupacken und sich durchzubeißen. Sie werden daher an
Problemen "schwer zu kauen" oder auch "schwer zu beißen" haben.
Damit sich patriarchale Frauen sicher fühlen
sollen, wird ihnen ein Mann zur Seite gestellt, der ihre Probleme
lösen soll, zumindest die materiellen. Aber er muss auch darauf
achten dass die Vagina dentata unter Verschluss bleibt, denn
sonst würde der Mann ja überflüssig; zumindest hat er Angst davor.
Es gilt also, dass die Frauen ihre Vagina
dentata revitalisieren, und indem sie "die Zähne zeigen" und
"sich durchbeißen", um das System wieder ins Gleichgewicht bringen.
In den patriarchalen Mythen und alten Schriften
wird nicht nur penetrant die "Angst vor Abwendung" mit
"Kastrationsangst" ersetzt, sondern auch noch die Symbolik der Zähne
(lat. dentata: gezähnt) mit dem Verschlingen, der
Mund-Symbolik oder mit der Vulva/dem Schoß durcheinander gebracht.
Geschichten von der verschlingenden Mutter sind
überall in den Mythen zu finden, aber sie haben nichts mit der
Vagina dentata zu tun.
Mund und Vulva werden beispielsweise in ägyptischen Mythen
gleichgesetzt, was wiederum nichts mit der verschlingenden Mutter zu
tun hat, auch nicht mit der Dentata, allerdings zu dem Grundsatz "Am
Anfang war das Wort" führte, den sich später das Christentum
aneignete.
Aber das ist eine andere Geschichte...

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