Wie präsentieren sich Frauen? Wie verschaffen sie sich Respekt und Anerkennung? Tun sie das überhaupt? Inwiefern tragen Frauen zu schlechter Behandlung und  benachteiligten Situationen selber bei?

Körpersprache

Ist unsere Identität in Ordnung?

Fühlen Sie sich denn von Katalogfotos angesprochen, wie es das Versandhaus ja beabsichtigt?

Sie und ich und alle potentiellen Käuferinnen der angebotenen Ware betrachten diese Werbung. Es handelt es sich also keineswegs um Animierbilder für männliche Voyeure. Damit ist die angestrebte tatsächliche Wirkung erklärt:

Frauen identifizieren sich zweifellos mit den verschiedenen Bildern, da sie dem eigenen Selbstbild nahe kommen.

Die Fotografinnen und Fotografen stellen das vermutete Selbstbild ihrer Zielgruppe her. Werbung ist viel zu teuer, um mit Botschaften zu experimentieren, derer man sich nicht absolut sicher ist.

"So sehe ich aus" oder "So möchte ich aussehen!" - das ist die erwünschte Wirkung. Das 'Selbstbild' ist hier also: das gewünschte Fremdbild.

Wollen wir so aussehen??

Als menschliche Wesen erfahren wir die Welt durch unseren Körper. Die Wirklichkeit des Lebens bedeutet immer sinnliches Erleben!

Eine gesunde Frau hat eine Vorstellung, eine Wahrnehmung von sich. Sie spürt, wie sie sich fühlt, d.h. was ihr Körper gerade fühlt. Dieses Selbst-bewusst-sein gibt ihr die Gewissheit, eine Identität zu haben.

Identität

Was bedeutet eigentlich "Identität" genau? Haben wir eine und ist sie in Ordnung?

Klar. Auf die Frage "Wer bist Du?" werden Sie mit dem Namen antworten. Dazu nehmen Sie vielleicht den Personalausweis her. Da steht es schwarz auf grün:

IDENTITY CARD/CARTE D'IDENTITE
Unterschrift des Inhabers - hier haben Sie unterschrieben.

Ach! jetzt denken Sie, die Angestellte in der Meldebehörde hätte damals bei Ihnen in die falsche Kiste gegriffen und Ihnen ein Exemplar für Männer ausgefüllt. Sie müssten den Ausweis zurück bringen, damit es keinen Ärger gibt, wenn Sie Ihre Geschlechtsidentität nachweisen sollen.

Aber nein - keine Sorge! Jeder Mensch ist männlich, jedenfalls grammatikalisch.

Immerhin finden wir im Personalausweis unseren Namen korrekt wiedergegeben, mit dem wir zeitlebens identifiziert werden.

Unseren Namen? Die meisten von uns haben mindestens zwei: also den Namen, den wir zur Zeit tragen und einen anderen, den wir früher trugen. Im Familienbuch gibt es vielleicht noch mehr zu finden:

  1. den derzeitigen Namen
  2. den Geburtsnamen
  3. Falls früher einmal verwitwet, den damaligen
  4. Falls zwischendurch einmal wieder verheiratet, den auch
  5. und falls möglicherweise von diesem geschieden, und - wegen der Wut - den "Mädchennamen" (bis zur nächsten Heirat) wieder angenommen, zwischendurch also wieder den ursprünglichen Namen, aber mit dem Zusatz: gesch. So-und-so, verwitw. So-und-so.

Die Zwischenfrage, nach der Identität, die ich beantworten wollte, um dem Selbstbild und seiner Ausstrahlung nahe zu kommen, scheint nicht so schnell zu klären zu sein.

Der Duden äußert sich zur "Identität der Person" so:
das Existieren von jemandem, als ein Bestimmtes, Individuelles, Unverwechselbares.
Und psychologisch: die als Selbst erlebte innere Einheit der Person.

So gesehen dürfte die Tatsache einige Identitätsverwirrung stiften, da in unserer Muttersprache jede Personenbezeichnung als Stamm grammatikalisch maskulin ist.

Das weibliche Selbst findet sich stets als Anhängsel des Maskulinums - das Suffix "in" - oder ist "mitgemeint", (was sich nur aus dem inhaltlichen Zusammenhang erkennen lässt, siehe "Frauensprache") und bedeutet ja auch "beigefügt".

Jeder Mensch ist männlich ... Exkurs zu weiteren Ungereimtheiten unserer Sprache zum Nachteil der Frauen: "Frauensprache"

Diese Suffix-Mentalität hängt, trotz aller Gleichberechtigung und Frauenbewegung, in den Köpfen der Frauen drin.

Oder wie sonst sollen wir diesen häufig zu beobachtenden Körperausdruck interpretieren?

Sie sehen täglich auf der Straße, wie Frauen an die Arme der Männer gehängt sind, wie sie an der Hand des Mannes geführt werden - denn führen tut die oder der, dessen Handrücken nach vorn zeigt.

Diese Gewohnheiten sind äußere Bilder der sprachlichen Gewohnheit: wie finden bei behördlichen Formularen führend an erster Stelle den Antragsteller, Bauherren, Kreditnehmer usw. und anhängend die Ehefrau.

Die biologische Stammform, sozusagen die "erste Garnitur", ist zur zweiten Garnitur degradiert. Das war nicht immer so, diese Entwicklung hat eine Geschichte.

Urteilen Sie selbst, an welcher Stelle Ihrer persönlichen Geschichte Sie heute stehen!

Madonna

Die zeitgenössische Madonnendarstellung spiegelt das Bild, wie die jeweilige Gesellschaft sich die Frau (Mutter) vorstellt. Hier sind drei Beispiele in chronologischer Reihenfolge:

teilnehmender Ausdruck
Prägnanter, teilnehmender Ausdruck, der Blick ist gerichtet, Gotische Madonna, 11./12. Jh.

 

 

 

Blick ins Leere
Weiche Züge, unartikulierter Ausdruck, Blick ins Leere, Deutsche Renaissance, 15./16.Jh.

 

 

 

uninteressierter leerer Blick
Zeitgenössische Madonna von Henry Moore, 20. Jh., abwesender Ausdruck, uninteressierter leerer Blick

 

 

Auffällig zeigen diese drei Beispiele, dass der Kontakt, die Beziehung zum Gegenüber, dem Kind, von aktiver Zuwendung bis zur Teilnahmslosigkeit verläuft.
Ein Symptom für die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung in der patriarchalen Gesellschaft?

Bis ins 14. Jh. sind bei Betrachtung mitteleuropäischer Skulpturen keine Unterschiede in der Bein- und Armhaltung bei Frauen und Männern zu erkennen.

Beispielsweise geben Darstellungen in alten Marienbildern reichlich Auskunft darüber, dass es die aneinander gepressten Knie nicht gab. Sowohl engere wie breitere Haltungen gab es bei Frauen und bei Männern gleichermaßen.

Langsam veränderte sich die Sicht. Engere Haltungen bei Männern wurden selten, während sich bei Frauen der Umbruch deutlich abzuzeichnen begann: Anfang des 16. Jahrhunderts wurden mit Aufnahme von weltlichen Motiven in der Kunst Frauenkörper unbekleidet dargestellt, und, ähnlich wie heute, in stark zusammengenommener Haltung.

In demselben Maße, wie die Verfolgungen und Ermordungen von Frauen zunahmen, wiesen die Kirchenväter (sie sind ja die Auftraggeber der Madonnenfiguren) ihnen auch die äußere Haltung von Ohnmacht, Unterwerfung und Opfermentalität zu. Die Frauen wurden gemalt, wie Patriarchen sie "sahen" oder sehen wollten.

Die Gesichter der Frauen haben einen immer stärker ausgeprägten Puppenausdruck angenommen. Geist und Seele sind daraus entwichen. Die lebendige Persönlichkeit wird vom Künstler nicht mehr eingefangen - die Frau wird mehr und mehr zum passiven Gegenstand.

Die Vernichtung fast des gesamten Potentials traditionellen Wissens der "Weisen Frauen" veränderte die Seele Mitteleuropas dramatisch. Für die Frauen, die Folter, Scheiterhaufen und Hexenverfolgung überlebten, und deren Töchter gab es eine neue Welt. Die Autonomie über ihre ureigenen Angelegenheiten hatten sie an die Staats- und Kirchenmänner verloren.

Fortan wurde über ihren Körper bestimmt, einschließlich der Zahl ihrer Geburten und wie sie zu gebären hatten. Kleidung, Schuhwerk, Haartracht und Körperhaltung wurden vorgeschrieben.

Der Wandel zum hundertprozentig fremdbestimmten Frauenleben wird genau genommen am deutlichsten in unserem Jahrhundert sichtbar:
im körpersprachlichen Alltag.

In der Massengesellschaft wurde jede Frau von den Vorschriften der Mode erfasst. Im entlegensten Dorf fühlte sich die Hausfrau genau wie ihre Putzfrau und die Lehrerin zutiefst verpflichtet, mindestens zum Sonntag Stöckelschuhe oder Plateausohlen, Minirock oder Schlauchkleid, Haarspray, Schminke usw. genau nach Vorschrift anzulegen. Nichts wäre schlimmer als das Gefühl, nicht dabei zu sein.

An dieser Stelle dürfte die Frage, ob unsere Identität in Ordnung ist, beantwortet sein:

Eine Person, deren sämtliche ursprünglichen Lebensäußerungen reglementiert und einer Vorschrift von außen unterworfen sind, kennt ihre Identität nicht.

Jede Frau, die sich auf die Autoritäten kritiklos oder gleichgültig einlässt, die da heißen:

  • Gynäkologie,
  • Damenoberbekleidung,
  • Schuhindustrie,
  • Kosmetik,
  • Pharmaka,
  • Schönheitschirurgie...

hat keinen Zugang zu ihrer natürlichen Weisheit und daher kein Selbst-bewusst-sein. Ihr Auftreten ist eine ständige Demonstration ihrer Fremdbestimmtheit. Hier wiederhole ich die Frage:

Wollen Sie so aussehen?

... mit einem faltenlosen Kindergesicht, großen Kulleraugen und engelsblonden Löckchen oder langer Mädchen-Mähne?

... in einem mageren, schwächlich wirkenden Körper mit unterentwickelten Muskeln und chronischer Verspannung des Zwerchfells?

... mit reduzierter Atmung wegen des eingeschnürten Oberkörpers und der Taille?

... ausgerüstet mit einem infantilen Stimmchen aus volllippigem Schmollmund?

... oder lieber als Luxusweibchen mit gefährlichem Blick, dem süßen Nichtstun und der Sinnlosigkeit des Daseins hingegeben?

... mit kokett hochgezogener Schulter, sündig-naivem Blick und dem Privileg, dafür auch einen Ellbogen ausstrecken zu dürfen (das gibt den richtigen sexy Pep!)

... unfähig auf eigenen Beinen zu stehen und gerade durchs Leben zu gehen?

Denjenigen Frauen, die bei obiger Aufzählung sagen: "Ha, das habe ich längst hinter mir! Den Quatsch mache ich schon lange nicht mehr mit oder habe es nie mitgemacht" sei gesagt:

Wenn Du Dich in Opposition zu den gewünschten Regeln verhältst, dann orientierst Du Dich ganz genauso an ebendiesen Regeln und manifestierst sie damit auch.

Ob Du etwas mitmachst oder es rigoros ablehnst - Du erkennst es als gegebenen Ausgangspunkt an!

"Die glücklichsten Sklavinnen oder Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."

 

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