Das System der Ampel - ein patriarchales Symbol Drucken E-Mail
Geschrieben von Ringo Müller   
Ampeln sind (fast) überall. Aber warum eigentlich? Nun, um Ordnung zu schaffen, könnte eine Antwort lauten. Ordnung ist etwas Wunderbares und sehr Bequemes.

Wer sich in Ordnungsstrukturen zurechtfindet und sich mit ihnen arrangiert hat genießt die vielfältigen Vorteile: Zum Beispiel, wie eben bei Ampeln Sicherheit und Beschleunigung von Bewegungsabläufen.

Ampeln regulieren unser alltägliches Leben. Ordnung wird dabei konstituiert durch Technik - die Ampelanlagen. Es ist wohl nichts Ungewöhnliches, dass Technik unser Leben erleichtert. Aber wer stand nicht schon einmal vor einer roten Ampel und musste feststellen, dass Autos bis zum Morgengrauen nicht kommen würden? Spätestens in diesen Momenten sollte jedenfalls die Frage auftauchen: Funktioniert das System?

Ampeln gibt es eben nur fast überall. Denn ein anderes Ordnungssystem scheint mit der Technik zu konkurrieren: Die (An)Ordnung des Raumes.

kreisverkehrzeichen.pngSo ist der Kreisverkehr ein bestes Beispiel dafür, wie es auch funktionieren kann. Und da auch Fußgänger berücksichtigt werden müssen in diesem System, setzt man sogenannte Zebrastreifen auf der Fahrbahn ein. Auch diese Reglungsstruktur erfüllt ihre Zwecke, und nach Meinung des Autors eben besser als die der Ampel.

Denn: Zwischen die Interaktion von Menschen ist kein Dritter geschaltet, der regeln und steuern muss. Dies ist im Kreisverkehr nicht nötig, denn die Verkehrsteilnehmer sind zur Rücksicht und augenblicklichen Aufmerksamkeit gezwungen.

Die Ampel setzt dieses gegenseitige Miteinander der Menschen hingegen außer Kraft. Denn die Ampelanlage konzentriert das wichtigste Ordnungsmerkmal an sich: Macht.

Sie übernimmt nicht nur die Reglungsgewalt, sondern vergibt über diese auch Recht. Nicht das Recht des Schnelleren, Größeren, sondern das Recht der Symbole. Wer Rot hat und dagegen verstößt, ist im Unrecht.

Ursprünglich Freier Raum, in dem es zu intersubjektiven Einigungen kam ("Wer hat Vorfahrt?") wird in einen Verwaltungsraum Dritter, der entpersonalisierten Ampelanlange umgewandelt und Handlungsmaxime, wie Rücksicht, Achtung und Verständnis werden durch binäre Symbole ersetzt. Rot - Grün, Unrecht - Recht.

Das Miteinander der Menschen wird also geregelt über die Ampel und dabei auch stark vereinfacht. Dies ist mehr als nur bedenklich, gerade in einer Massengesellschaft, die anonymisiert.

Sicher, es würde alles ein wenig langsamer ablaufen, wenn die Autofahrerin gezwungen ist darauf zu achten, ob nicht plötzlich ein Fußgänger die Straße überqueren möchte, aber ist diese Langsamkeit nicht höher zu schätzen, als eine Beschleunigung erkauft durch gesellschaftliche Kälte?

Gegenseitiges Verständnis und Rücksicht können nur im Agieren miteinander entstehen. Dies aber nimmt die Ampelanlagen allen Verkehrsbeteiligten aus der Hand.

Der Kreisverkehr regelt ebenso das Verkehrsleben der Menschen. Aber er stellt eben das Recht der Minderheit ein, zum Beispiel das des Fußgängers. Er überreguliert den Straßenverkehr nicht und setzt bewusst auf die Aufmerksamkeit der Agierenden.

kreisverkehr.gif

 

Die Überregulierung des Lebens durch die Ampel, die gar nicht nötig wäre, zeigt ein schönes Beispiel:

Die Ampeln ohne Kreuzung, z.B. vor Schulen. (Ein wunderbares Exemplar für unsere Freunde aus Dresden findet sich gegenüber Club Mensa.) Die Frage ist berechtigt:

Warum brauchen wir auf einer geraden Straße, an der eine Schule liegt, eine Ampel?

Weil wir unsere Kinder nicht gefährden wollen vor uns selbst? Warum reicht hier kein einfaches Hinweisschild mehr? Warum kein schöner Zebrastreifen? Weil die Autos sonst langsamer fahren müssten? Oder vielleicht, weil wir gelernt haben uns in einem festgelegten Verwaltungssystem zu bewegen, was Rücksicht und Miteinander nicht mehr
einfordert?

Aber gerade Kinder haben eben noch nicht vollständig gelernt am Straßenverkehr im System zu partizipieren. Eigentlich ist das sehr gut, denn sie stellen das System noch in Frage, welches wir ihnen aufoktroyieren.

Schon die Ampel vor der Schule setzt Rücksicht und Verständnis außer Kraft und ersetzt es durch das Recht der Technik über den Menschen. Die Ampel vor der Schule ist der Kinder Eckpfeiler in einer Gesellschaft, die den Spiegel und die FAZ liest, brav wählen geht und ansonsten gleichgültig alles akzeptiert, nach der Maxime der Notwendigkeit.

Aber Ampeln sind nicht notwendig, gerade weil es Alternativen, wie den Kreisverkehr und den Zebrastreifen gibt.
Die Überregulierung gehört abgeschafft.

Der Übergang Ampel - Kreisverkehr ist ein sehr bedeutender. Ist im System Ampel dem Autofahrer, wie dem Menschen jede Verantwortung genommen und handelt er in einem entindividualisierten Raum aus wunderbar verständlichen, binären Codes, so muss im Kreisverkehr der Mensch am Steuer eines Fahrzeuges, wie die Fußgängerin, viel mehr Aufmerksamkeit aufbringen und ist gefordert Rücksicht zu nehmen.

Gesellschaft ist dabei kein Passiv, sondern ein aktiver Kommunikationsprozess, auch wenn er manchmal schwer fällt.

Ampeln wirken nicht nur auf die Gesellschaft. Sie sind auch Spiegelbilder dieser.

 

Quelle:

Dies ist der leicht verkürzte Eröffnungsbeitrag der Google-Group "Das System der Ampel".